Jan Sportlich

Wer war/ist Dein  Vorbild?

Mein erstes Schachbuch war im Jahr 1989 "Kasparovs Schacheröffnungen" von Otto Borik. Daher war ich zunächst ein großer Kasparov-Fan und habe ihm etwa im Match gegen Karpov 1990 die Daumen gedrückt.

Über die Jahre habe ich dann feststellen müssen, dass einige seiner Eröffnungen (brrr, Königsindisch) nicht wirklich meinen Neigungen entsprechen, und ich habe mich an anderen Spielertypen orientiert.

Bis heute bin ich ein großer Bewunderer des Spiels von Vladimir Kramnik. Wie er 1992 bei seinem ersten Auftritt bei einer Schacholympiade 8.5/9 holte, 2000 ohne eine Partie zu verlieren Kasparov den Weltmeistertitel abnahm, das und vieles mehr hat mich sehr beeindruckt.

Auch, wie es ihm gelungen ist, nach dem Verlust des Titels 2008 gegen Vishy Anand zurückzukehren, sein Spiel umzustellen und in den letzten 2 Jahren bessere Ergebnisse denn je zu erzielen. Was soll ich sagen, ich bin ein Fan! Außerdem haben wir beide am 25.06. Geburtstag!

Wer hat dir am meisten beigebracht?

Besonders dankbar bin ich meinem ersten Trainer im Hamburger Schachklub, dem leider viel zu früh verstorbenen Vincent Kolanoske. Er war vielleicht kein starker Spieler, aber Schachtraining bei ihm am Freitag nachmittag war immer das Highlight der Woche. Ohne diesen ersten Impuls wäre ich sicher nie so lange beim Schach geblieben. Ich verspreche Dir, ich werde nie Französisch spielen, Vincent!

Später war ich es dann selber, der mir am meisten beigebracht hat. Das geht fast allen westlichen Großmeistern so, wir sind Autodidakten. Trotzdem arbeiten wir natürlich hin und wieder zusammen, von solchen gelegentlichen Trainingspartnerschaften profitieren im Idealfall beide Seiten.

Am meisten gelernt hab ich bei solchen Sessions von meinem dänischen Freund und heutigen Anand-Sekundanten, Peter Heine Nielsen. Nicht nur unzählige Eröffnungsideen, mit denen ich sogar hin und wieder eine Partie gewonnen habe, sondern auch über den Umgang mit Schachprogrammen und Datenbanken. Danke, PH!

Wie trainierst Du?

Die Frage ist mir neu, gewohnt bin ich eher "Wie, trainierst Du?" Klar trainiere ich, auch Schach ist viel Arbeit. Den Großteil der Zeit verbringe ich dabei vor dem Rechner, bis vor kurzem hatte ich gar kein Schachbrett. Dadurch, dass die Schachprogramme heutzutage jedem Menschen überlegen sind, sind Sie gleichzeitig ein unverzichtbares Hilfsmittel bei der häuslichen Arbeit geworden. Nicht so sehr gegen Sie zu spielen, sondern Sie einzusetzen, um der Wahrheit über bestimmte Stellungen näherzukommen. Den Großteil der Arbeit mache ich hierbei an Eröffnungen. Was gibt es für neue Trends, wo habe ich Lücken in meinem Repertoire, wo kann ich meine Gegner "erwischen". Viel davon ist Computerarbeit, neue Partien sichten, eine neue Idee finden und diese dann von den Schachengines durchchecken lassen. Na gut, meistens finden die Engines die Idee. Ein wichtiger Trick hierbei: Alles aufschreiben bzw speichern! Es ist einfach ärgerlich, die gleiche Variante fünfmal vorzubereiten, weil man seine alten Analysen vergessen hat.

In letzter Zeit versuche ich verstärkt, neben der Eröffnungsforschung auch meine Fähigkeiten als Wettkämpfer zu verbessern. Dazu gehört das Lösen von Taktikaufgaben und das Spielen von Trainingspartien zu bestimmten Stellungen gegen Kollegen. Aber auch, so oft es geht ins Fitnessstudio zu gehen, um genug Power für lange Partien zu haben.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle beim Hockey-Bundestrainer Markus Weise. Markus hat mir in wenigen Sitzungen mehr über Trainingsaufbau, Sportpsychologie und mentale Aspekte beigebracht als ich in den 20 Jahren Schach davor aufgeschnappt hatte. Hoffentlich kann ich es umsetzen, der Schlüssel ist wie immer harte Arbeit…

Welche Lektüre empfiehlst Du?

Meine Schachbuchsucht habe ich langsam etwas überwunden. Jahrelang habe ich so ziemlich alles bestellt, was neu rauskam, hauptsächlich aus Angst, etwas zu verpassen, was schon irgendwo veröffentlicht war. Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht viel bringt, alles planlos zu ordern, sondern ich eher meine guten Bücher noch mal genauer lesen sollte. Hängengeblieben sind diese:

Shereshevsky: Endgame Strategy.

War für mich eine Offenbarung, als ich es mit 18 in die Hände bekam. Endspiele sind nach wie vor nicht mein Hobby oder meine Stärke, aber Shereshevsky hat sehr geholfen, ein paar grundlegende Prinzipien zu verstehen. Do not hurry!

Mikhail Tal: Life and games.

Einfach unglaublich unterhaltsam. Tal ist vom Spielstil her sicher nicht mein Vorbild, aber als Autor kaum zu toppen.

Garry Kasparov: My great predecessors, Kasparov vs. Karpov und Revolutions in the 70s

Schachgeschichte erklärt von Garry, was will man mehr? Am Besten gefallen mir die letzten über seine matches gegen Karpov, aber die gesamt Serie ist Pflicht für jeden ernsthaften Schachspieler.

Boris Avrukh: 1.d4, volume 1 and 2

Die meisten Eröffnungsbücher bringen mich nicht viel weiter, weil Sie einfach keine Ideen enthalten, die ich spielen möchte. Bei Avrukh sieht es anders aus. ER ist ein Toptheoretiker und beide Bände sprudeln nur so vor starken Neuerungen und stellen nebenbei ein schlüssiges 1.d4 Repertoire vor. An vielen Stellen habe ich mich geärgert, weil ich die gleiche Idee hatte und damit noch punkten wollte, an noch mehr Stellen habe ich etwas Neues gelernt. Respekt, Boris!

Volokitin: Perfect your chess

Gute Aufgabensammlung, die ich gerade durcharbeite. Die Aufgaben sind schwer, aber nicht unlösbar. Damit unterscheiden sie sich etwa von den Dvoretzky - Büchern, die auch sehr gut sind, aber für mich stets einen hohen Frustfaktor hatten.

Wie bereitest Du Dich auf eine Partie vor?

Mein Alltag bei Turnieren ist stets sehr ähnlich. Aufstehen, so dass ich es noch rechtzeitig zum Frühstück schaffe, meistens ca. 9:30. So viel wie möglich frühstücken, danach kurz raus an die Luft. Dann geht´s zurück aufs Zimmer und die Vorbereitung auf den Gegner des Tages steht an. ChessBase starten, Partien des Gegners suchen. Einen Baum aus den frischesten Partien machen, meistens der letzten 2-3 Jahre. Gucken, wo er Schwächen im Repertoire haben könnte bzw. was er gegen meine Eröffnungen spielt. Dann zeigt sich, ob ich im Vorfeld des Turniers fleißig war. Im Idealfall muss ich nur noch die Datenbank mit meinen Analysen öffnen und 2-3 Varianten wiederholen und ins Kurzzeitgedächtnis reinprügeln.

War ich nicht fleißig, muss ich auf die Schnelle eine Idee finden. Also die engine anschmeissen, und hektisch ein paar Varianten checken. Klappt manchmal, aber nicht immer.

Dieser Prozess dauert meist ca. 2-3 Stunden. Dnach esse ich noch eine Kleinigkeit, lege mich 30 min hin, dusche, höre Ante up und los geht es. Wenns klappt, noch schnell mit einem Kaffee dopen.

Abends nach der Partie gehe ich dann etwas Essen und versuche etwas zu entspannen, also noch nicht an den morgigen Gegner zu denken. Wenn möglich gucke ich mir die Paarungen sogar erst am nächsten Morgen an.

Sollte die Partie am Morgen beginnen, muss die Vorbereitung auf den Abend verlegt werden, die morgendliche Arbeit basiert dann deutlich mehr auf Koffeinaufnahme.

Was würdest Du noch gerne sportlich erreichen?

Das große Ziel ist Elo 2700. Ich befürchte, die Inflation wird das nicht automatisch für mich erledigen, es fehlen noch 50 Punkte…

Ich war auch noch nie Deutscher Meister ...
wenn ich Glück habe, überschneiden sich die Deutsche Meisterschaft und die Europameisterschaft 2011 nicht, ich will auf jeden Fall einen neuen Anlauf starten!