Jans Kolumne

Zugzwang

Um Svidler zu verabschieden, standen Billard und Kino auf dem Programm. Endlich mal ein guter Film!

Meine sechstündige Bahnreise von Berlin-Spandau nach Hamburg im Dezember hat mein Verhältnis zu diesem Fortbewegungsmittel nicht direkt verbessert. Trotzdem habe ichs heute mal wieder probiert.


Die gute Nachricht ist, dass es von Hamburg-Dammtor bis Berlin diesmal nur gut anderthalb Stunden gedauert hat. Die schlechte Nachricht, dass ich nach Frankfurt (Main) zwecks Bundesliga in Griesheim wollte, und da liegt Berlin nicht direkt aufm Weg.

So geschah es: Vorbidlich hatte ich die Verbindung studiert und sogar schon ein Ticket erworben. 15:17 ab Dammtor, direkt bis Frankfurt, kein Ding. Bin also 15:10 am Gleis, ok, die Abfahrt verzögert sich voraussichtlich um zehn Minuten, normal. 15:25 fährt dann der ICE ein, nochmal gecheckt, yo, steht Frankfurt dran, ich steige also in Wagen 6 auf meinen reservierten Platz 85. Kopfhörer in Ipod, neue Schach aufgeschlagen, chillen.

Kurz nach Hauptbahnhof kommt dann der Schaffner, guckt auf mein Ticket und sagt mir, dass dieser Zug nach Berlin fährt, nächster Halt Spandau. Hmm, stand doch Frankfurt dran? Ja, aber haben Sie denn die Durchsage zwischen Dammtor und Hauptbahnhof nicht gehört, dies ist der verspätete ICE nach Berlin, war falsch angezeigt. Nö, hab M.O.P. gehört :( Zugegen, nicht ganz unverschuldet diesmal, aber irgendwie werden Bahn und ich einfach keine Freunde. 

Jedenfalls hab ichs mittlerweile in unser Hotel im beschaulichen Büttenborn geschafft, Ankunft 23:00 satt 19:45, aber Hauptsache da.

Hier isses auch lustig, scheint eine Art mallorquinische Enklave zu sein. Die letzten drei Lieder, die zu dieser fortgeschrittenen Stunde durch mein Fenster das Zimmer beschallen, waren "Das rote Pferd", Cowboy und Indianer" und "Drei Chinesen mitm Gummiboot". Meine Welt, ich setze mich eh schon lange dafür ein, dass Malle seine eigene Schachbundesliga-Mannschaft kriegt, möglichst nur mit Heimspielen in El Arenal.

Morgen 14:00 gehts ans Brett.  Am heutigen Freitag hat auch Svidler sich auf den Heimweg gemacht, er war deutlich schneller in St.Petersburg als ich in Büttelborn. Gestern abend standen zum Abschied ein Billardmatch gegen Schachunski und ein Kinobesuch an.

Billard

Nachdem Schachunski 2010 noch deutlich unterlegen war, hat er die Zeit genutzt, um intensiv zu trainieren, während Svidler laut eigenen Angaben seitdem nicht gespielt hat. Und so begab es sich, dass er nun plötzlich auf verlorenem Posten stand, neben Problemen mit der 7 war auch gegen die gegnerischen potting- und luckbox Skills nichts auszurichten. Die Expertenmeinung ist, dass er mit einer Woche Übung wieder mindestens auf Augenhöhe wäre, positional understanding und so. Wir werdens bei der nächsten Sitzung herausfinden!

Um PBS zu besänftigen, nachdem ich dies publik mache, wird es höchste Zeit, ihm für die Session zu danken. Wir sind seit einer ganzen Weile gut befreundet, aber trotzdem ist es eine Riesenehre für mich, dass er nach Hamburg kommt, mit mir rumhängt und Schach anguckt. Er ist gut, was soll ich sagen. Bin häufig n bisschen starstruck und schlag nur Blödsinn vor. Danke, Peter!

True Grit

Nach dem Billard gings ins Kino. Und nach den jüngsten Flops wie Kaufhauscop, G.I.Joe, Stichtag und so weiter und so weiter haben wir diesmal einen guten Film erwischt! 

True Grit ist nach meiner Hobbykritiker-Meinung völlig zu Recht für zehn Oscars nominiert. Der Film ist ein Remake von "Der Marshal" (nicht mein Schreibfehler), für den John Wayne einst seinen einzigen academy award bekommen hat. Sehr komisch, dass ich den nicht gesehen habe, schließlich habe ich mich sowohl mit Filmen als auch mit Marshall doch so einige Zeit beschäftigt...

Zurück zu True Grit. Der Film ist von den Coen-Brüden, und die Jungs verstehen ihr Handwerk. Wie schon in Big Lebowsky haben sie erneut eine perfekte Rolle für den genialen Jeff Bridges geschrieben. Seitdem dieser 2004 oder so n Oscar gewonnen hat, ist es schwer, ihn noch unterschätzt zu nennen, seine Interpretation des alternden, versoffenen Marshalls Rooster Cogburn toppt noch einmal alles, was ich bisher von ihm gesehen habe.

Nach "No Contry for old men", dass ja irgendwie auch n Western war, liefern die Coens nun ihren nächsten Edelbeitrag zu diesem Genre ab. Weite Landschaften, bescheuerte Figuren, lustige Dialoge und am Wichtigsten, Kinder, die sinnfrei vom Zaun geschubst werden! 

Das Ende hab ich noch nicht so ganz kapiert, aber der Film ist ein Muss. Der Hauptkonkurrent bei den Awards am Sonntag ist wohl "The Kings Speech", der zwölfmal nominiert wurde. Den hab ich noch nicht gesehen, aber was is das bitte für ne Prämisse? Der Typ ist König von England, Schottland, Irland, was weiß ich, dazu ist in der Zeit ganz gut was los, aber Thema des Films ist "buhu, der König stottert?" Go, True Grit, mach sie fertig! Ok, vielleicht sollte ich den anderen ersma gucken.

Weiß nicht, obs aufgefallen ist, aber bin grad nicht so inder Stimmung über Schach zu schreiben, schon genug geguckt die Tage und spielen muss ichs ja morgen auch noch! Geh daher jetzt mal ins Bett, vielleicht gibts hier nächstes Mal auch wieder was mit Läufern und Springern und so.

Bis denn!

 P.S. Tippen nicht vergessen!

31 Kommentare
der fan
26.02.2011 06:01

Hallo Jan,

viel Erfolg morgen!!!

bei der Bahn muss man immer aufpassen - leider ;-)

Patzerle
26.02.2011 06:23

genialer Beitrag

Mynona Zwo
26.02.2011 08:34

Den Oscar hätten "True Grit" und "The Kings Speech" gleichermaßen absolut verdient. Ich würde ihn am meisten "Inception" gönnen (auch wenn dieser geniale Film bei Hobbykritiker JG durchgefallen ist, meh).

hanjie
26.02.2011 09:08

"Inception" als bester Film? Nee. Bestes Drehbuch vielleicht, beste Effekte und so.

Filme der Coen-Brüder gewinnen aus Prinzip schon immer viele Oscars. Ich habe ja den Verdacht, dass die Jury die Filme auch nicht so recht kapiert, sich nur nicht blamieren will und den Brüdern deswegen lieber einen Academy Awart mehr denn einen zu wenig schenkt ;)

Gerhard
26.02.2011 10:59

Jeff Bridges hat auch eine obergeniale Internetseite.Unbedingt anschauen - ich verfolge seine Karriere schon länger.

falconeye
26.02.2011 11:30

Also wenn man den Wettbüros glauben schenkt, dann hat True Grit bestenfalls Außenseiterchancen. Die Quote liegt bei 1:34. Da ist "the social network" mit 1:5 noch höher bewertet. Mit 1:1,25 ist aber The King`s speech" der absolute Topfavorit auf den ich auch einen nicht unerheblichen Betrag von 10€ gesetzt habe. Habe selber allerdings noch keinen der beiden Filme gesehen. Übrigens ist Natalie Portman mit einer Quote von 1:1,10 bei den Buchmachern praktisch schon durch.

hanjie
26.02.2011 13:23

Natalie Portman ist aber auch einfach mal dran. Sie beweist schon seit Jahren (gefühlten Jahrzehnten) was sie drauf hat. Tom Tykwer sagte in einem Audiokommentar mal "sie ist die mit weitem Abstand beste Schauspielerin ihrer Altersklasse", und es würde mich nicht wundern, wenn andere große Regisseure da nur zustimmend nicken würden.
Demnächst gehe ich dann auch mal in "Black Swan". Wurde aber schon mal vorgewarnt, dass der Film echt heftig sein soll, "dank" einer unglaublichen Performance von Portman.

Jeff Bridges hingegen ist aber eigentlich auch mal wieder dran. Hmmm - ich behaupte, das Rennen für den besten Hauptdarsteller ist da noch lange nicht durch. ;)

falconeye
26.02.2011 13:41

Die Quote für den besten Hauptdarsteller ist bei Jeff Bridges 1:26. Bei Collin Firth bei unglaublich niedrigen 1:1,02. Da die Buchmacher laut meinen Erfahrungen hier fast immer richtig liegen kann man Firth auch schon fast gratulieren.

Bardeleben
26.02.2011 13:43

"The Kings Speech" ist ein Riesenfilm, halt von der ruhigeren Sorte. Lohnt sich definitiv und Collin darf ruhig auch seinen Oscar bekommen...

der fan
26.02.2011 19:41

Herzlichen Glückwunsch,

war easy oder?

Riku
26.02.2011 20:17

@ Jan Wie war das nochmal mit " In Italienisch spielt man Lc5 und nicht Sf6, da wir das nicht in unserem Repertoire haben" (so ähnlich auf deiner DVD)

Arne
26.02.2011 23:42

Glückwunsch! Toller Sieg heute!
...Viel Erfolg morgen :)

HGS
27.02.2011 00:10

Mal so nebenbei: Wenn ich das richtig gerechnet habe, braucht die Bahn planmäßig 4,5 Stunden mit nem ICE von Hamburg nach Frankfurt (also ohne Umwege über Berlin). Mal blöd gefragt: Wieviele km sind das und was kostet das? Ich frage nur deshalb, weil ich für 580km mit einem vollbeladenen 3,5-Tonner nur eine Stunde mehr brauche. Preislich ist das wohl nicht Konkurrenzfähig. Ab die Frage ist: Wäre es nicht sinnvoll, mal darüber nachzudenken, zu trampen - oder vielleicht als Gelegenheitsfahrer bei einem Kurierdienst zu arbeiten? Ist vielleicht nicht so entspannend wie eine Bahnfahrt, aber dafür kommt man auch an :)

Umumba
27.02.2011 00:27

@HGS: Keine Ahnung, wo du geguckt hast, vielleicht beim IC, der fährt tatsächlich so lange, aber mit dem ICE braucht man bequeme 3:36 von HH Hbf nach Ffm Hbf, zum Beispiel 10:24 los, 14 Uhr da. Außerdem hat man mehr Sicherheit, Strom für den Laptop, ein Restaurant an Bord...

hanjie
27.02.2011 03:15

@Riku: Jan hat damit ganz nebenbei einfach mal beantwortet, ob er auf seinen DVDs schon alles über sein Repertoire verraten hat. Wie man sieht: Ganz offensichtlich nicht. ;)

HGS
27.02.2011 15:22

@Umumba: Ich hab nirgends geschaut, sondern mich nur nach Jan's Zeitplan oben gerichtet. All die tollen Vorteile der Bahn hat man aber nur, wenn der Laden auch funktioniert. Und das tut er in letzter Zeit immer öfter nicht.
Storm für den Laptop gibts auch im Auto - oder fressen die Dinger inzwischen soviel, dass der Zigarettenanzünder es nicht mehr tut? Was kostet denn ein normales Menü im ICE-Resttaurant? Früher war es mal so günstig, dass die Preisersparnis Bahn-Auto durch eine Mahlzeit wieder weg war.
Sicherheit: lass ich gelten.

Thomas Oliver
27.02.2011 17:23

@HGS: Jans Zeitplan war bis zum Hotelzimmer in Büttelborn (bei Griesheim bei Darmstadt) - aus eigener Erfahrung weiss ich dass die Anschlüsse in Frankfurt nicht immer optimal sind.

Vorteil der Bahn ist neben Sicherheit auch Bequemlichkeit: man kann Walkman hören, am Laptop arbeiten oder spielen, ein Nickerchen machen, sich die Beine vertreten usw. - im Auto auch für Mitfahrer nur teilweise möglich. Umweltfreundlicher isses auch noch.

Hmm, Autobahnraststätten sind auch nicht gerade billig. Dass "der Laden bei der Bahn nicht immer funktioniert" stimmt schon. Aber mit dem Auto kann man auch eine Panne haben, im Stau stehen oder bei Schnee und Eis länger unterwegs sein.

Mareike Amado
27.02.2011 19:13

Kein schlechter Expertentipp!!
5x das richtige Ergebnis und 3 x richtige Tendenz. Nicht schlecht für einen Holländer.

der fan
28.02.2011 00:59

Hallo Jan, hat doch was von Leichtigkeit wie du deine Spiele gewinnst, wie machst du das?

hanjie
28.02.2011 13:07

Tja, nix mit Oscars für "True Grit" ...

Thomas Oliver
28.02.2011 16:51

@der fan: Vielleicht hatte die komplizierte Anreise ja was Gutes? Erst den falschen Zug erwischt, dann am Brett meistens den richtigen Zug gewählt ... .

ebitda
28.02.2011 19:20

also ich muß schon sagen, ich bin entrüstet.
Durch den Kauf der DVD habe ich mir naiver Weise erhofft, ein quasi up to date GM Repertoire erworben zu haben und nun spielt der Meister selbst andere Varianten.
Frechheit!
^-^

hanjie
01.03.2011 01:06

Hihi - eigentlich müsste man sich die DVD alleine deswegen schon zulegen, um NUR andere Varianten zu spielen: Schließlich weiß man "ahh, er hat bestimmt die Gusti-DVD durchgearbeitet, dann spiele ich jetzt einfach mal was _anderes_ und schon ist er aus dem Buch *grins* "

Nein, ganz ehrlich: Die DVDs sind gaanz großes Kino, ebengerade, weil sie so wenig (gar nichts glaube ich trotzdem nicht ;) ) verschweigen! Da wird die Liebe zur Eröffnung und Eröffnungsarbeit wirklich spürbar. :)

der fan
01.03.2011 05:11

vielleicht ist der Meister ja so nett und gibt ein Update für wenig geld an die user.

Gerhard
01.03.2011 09:52

"Pretty good english" - auf dem Sample der DVD ist das ganz gut zu hören und beindruckte mich.
Was auch im Sample anklang, war der souveräne und hart erabeitete Überblick über die ganze Historie der Variante. Das allein ist ein Beitrag zum Wesen des Schachs. Und wichtig ist ja auch die Frage: Wieso kommt es zu dieser und jener Bevorzugung einer "Stoßrichtung der Forschung"?
Wie jedes System hat auch der Marschall natürlich seine typ. Stellungsbilder, die Jan als "guter Marschall" umschrieb. Als erfahrener System-Spieler weiß man intutiv, ob man im richtigen Fahrwasser ist und welche Stellungsbilder, die vielleicht auf den ersten Blick ungünstig aussehen, den "Kern des Guten" in sich tragen..

Nariu
01.03.2011 11:06

@Gerhard. Deine Beiträge klingen nach viel Elo im Verhhältnis zum Durchschnittsvereinsspieler. Würdest du es uns verraten?

Gerhard
01.03.2011 16:22

@Nariu: Dies ist Jan's Seite und meine Elo ist nicht so wichtig. Aber Danke für Deine Anmerkung!

hanjie
02.03.2011 00:37

Nur mal so aus Interesse: Wie viel Elo hat denn der "Durchschnittsvereinsspieler" ...?

Bin nun auf den nächsten Blog von Jan gespannt. Mit zwei Siegen im Rücken müsste es ja ein wenig leichter flutschen, oder etwa nicht ...? ;)

Thomas Oliver
02.03.2011 09:19

@Nariu: Gerhard hatte mal erwähnt dass er früher Bundesliga und Deutsche Blitzmeisterschaft spielte, ich schätze mal dass das mindestens Elo 2200 bedeutet - es ehrt ihn dass er das für unwichtig hält. Zur Durchschnittselo: Z.B. der Hamburger Schachverband hat 2088 Mitglieder, und die Nummer 1000 hat DWZ 1582.

LowScore
02.03.2011 10:38

@Nariu: Ich schätze mal, dass es ca. 2460 Elo sind, allzuviele (Vor-)Namensvetter gibt es in den Top 1000 der deutschen Liste ja nicht :-)
Die Durchschnittselo liegt in Deutschland bei ingesamt 8319 bei der FIDE als aktiv gelisteten Spielern bei 2010 ELO.
Die Durchschnitts-DWZ über alle Spieler in der DWZ-Datenbank liegt etwas über 1500, siehe auch http://www.schachfeld.de/f61/moeglich-9424/#post125739

hanjie
09.03.2011 00:49

Habe den Film "True Grit" nun auch gesehen und kann mich der Lobhudelei allesamt anschließen! Der Film ist wirklich ganz großes Kino und steckt voll richtig feistem Humor. Und, ja, die Schubsszene ist groß! :)

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