Jans Kolumne

Wie wars mit Dänen

Nikolaj Mikkelsen, von dem ich die Bilder für diesen Bericht geklaut habe

Yippieh, zurück in Hamburg-City! Nach nächtlichem Zwischenstopp in München bin ich seit gestern mittag wieder in heimischen Gefilden und habe mich seitdem hauptsächlich um das Abarbeiten meines Schlafdefizits verdient gemacht. Nun ist es höchste Zeit, mit ein bisschen Abstand noch einmal einen Blick auf das Abschneiden der dänischen Mannschaft zu werfen, die ich bei der Schacholympiade gecoacht habe.

Am Ende haben wir den 19. Platz belegt. An 44 gesetzt, ist das natürlich eine hervorragende Platzierung. Klar hatten wir Losglück und sicherlich lief das Turnier nicht immer glatt. Bei mir überwiegt jedoch ganz klar die Zufriedenheit darüber, wie sich die Mannschaft in den letzten drei Runden präsentiert hat. Nach dem desaströsen 0-4 gegen Italien wurde gegen Island, Qatar und Österreich gewonnen, ohne eine weitere Partie zu verlieren. Gerade nach den wechselhaften Wettkämpfen früher im Turnier eine deutliche Steigerung. Ich habe oft genug betont, dass die Schacholympiade mit ihrem Modus vieles verzeiht und es letztendlich darauf ankommt, was wir in den letzten zwei Runden machen. Na gut, was sollte ich nach einer Niederlage gegen Kanada auch sonst sagen... Ich bin stolz auf die Moral, die die Truppe gezeigt hat, Danke dafür! Schauen wir uns die gezeigten Leistungen einmal einzeln an, angefangen mit Brett eins:

Sune Berg Hansen, 6.5/10. Elo +7.7

Starke und grundsolide Leistung am Spitzenbrett. Sunes Stärken liegen in seiner Flexibilität und in seinem großen Schachverständnis, im Manövrieren muss er sich wirklich vor kaum jemandem verstecken. Da ich Sune nach über zehn gemeinsamen Jahren beim Hamburger Schachklub sehr gut kenne, verlief unsere Zusammenarbeit völlig reibungslos. Wir haben am Abend besprochen, welchen Stellungstyp wir gegen den jeweiligen Gegner haben wollen, bei Bedarf habe ich ihm ein paar Analysen zur entsprechenden Variante gegeben. Dann am Vormittag kurz wiederholt, ob alles klar ist, es noch offene Fragen gibt. Praktisch für mich war, dass sich unsere Eröffnungen häufig überschneiden bzw. dass Sune bereit war, meine Systeme anzuwenden, wenn sie zu seinem Stil passen. Im Großen und Ganzen hat das ausgezeichnet geklappt, die Ergebnisse der Eröffnung konnten sich sehen lassen. Vielleicht waren hier und da sogar noch ein halber Punkt mehr drin.

Völlig verdient notiert Sune nach dem Turnier erstmals über 2600, aus meiner Sicht ist da für ihn noch lange nicht Schluss!

Allan Stig Rasmussen, 6/9. Elo +7.5

Unser Held der letzten Runde! Ganz starker Schwarzsieg gegen Österreichs Shengelia (2578), der unsere Platzierung überhaupt erst ermöglicht hat. Auch sonst hat Allan ein gutes Turnier gespielt. Er arbeitet sehr viel an seinen Eröffnungen und bereitet sich auf jede Partie sehr intensiv vor, so dass ich mir fast Sorgen machte, ob der Kraftverschleiss nicht zu hoch sein könnte. Wie die letzte Partie zeigt, waren diese Bedenken unbegründet. Ein wenig bedauert habe ich, dass ich Allan in der Vorbereitung nicht mehr helfen konnte. Er ist sehr überzeugt von seinen Systemen und kennt sich in diesen auch so gut aus, dass ich nicht besonders viel beitragen konnte. Überschneidungen zu meinen Sachen gibt es sehr wenige, über meine Ansichten, was gegen wen richtig ist und die ein oder andere punktuelle Verstärkung haben wir uns natürlich ausgetauscht. Ausserdem ist es für den Coach  auch sehr angenehm, einen Spieler zu haben, bei dem ich sicher sein konnte, dass er sich selbst gut vorbereitet, zumal ich stets viele andere offene Baustellen hatte.

Wenn Allan jetzt noch seine Zeitnot in den Griff kriegt und vielleicht hier und da einer anderen Eröffnung eine Chance gibt, bin ich überzeugt, dass seine Arbeit ihn schon bald in Richtung 2600 tragen wird.

 

Jakob Vang Glud, 6/10. Elo -5.3 

Jakob kannte ich vor dem Turnier nicht, aber wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Er ist immer gut gelaunt und immer motiviert, ein sehr angenehmer Mannschaftsspieler. Manchmal war er fast ein bisschen zu motiviert und wollte den Sieg zu sehr, was zu einigen Maßnahmen führte, die die Stellung nicht wirklich vertrug. Manchmal fehlte es auch an Konzentration auf der Zielgeraden in guten Stellungen. Dennoch ein anständiges Ergebnis mit Luft nach oben. Denn Jakob ist ein sehr talentierter Spieler, gerade sein Gefühl für die Initiative und seine Stärke in ruhigen technischen Stellungen haben mich beeindruckt. Eröffnungen sind nicht seine Spezialität, aber dies haben wir während des Turniers gut kaschieren können. 

Wenn Jakob sich entschliesst, ein bisschen mehr an seinem Schach zu arbeiten, kann er schon sehr bald ein guter Großmeister sein. Wie er seine Prioritäten setzt, ist seine Sache, es war auf jeden Fall eine Freude, ihn in der Mannschaft zu haben.

 

Mikkel Antonsen, 6/10. Elo -7.5

Mikkels Ergebnis sieht schlechter aus, als es ist. Denn es muss gesagt sagen, dass ich ihm in zehn Partien sieben mal Schwarz gegeben habe. Er hat sich sehr intensiv auf die Olympiade vorbereitet, und besonders seine Eröffnungen mit Schwarz haben mich überzeugt, auch er ist gerne als Nachziehender angetreten. Nicht immer hat dieser unser Plan geklappt, zweimal kam er in Nebenvarianten (Sc3 im Katalanen und 4. Sa4 gegen Grünfeld) aus der Eröffnung in Bedrängnis. Hier machte sich seine fünfjährige Schachpause bemerkbar, diese Lücken werden sehr bald geschlossen sein! Mikkel begann sehr stark, hatte dann eine Schwächephase Mitte des Turnier, war zum Endspurt aber wieder voll da. Besonders gefallen hat mir sein technischer, langweiliger Schwarzsieg gegen Qatar. Man muss gegen schwächere Gegner gar nichts Besonderes machen, einfach spielen! Unsere Zusammenarbeit verlief glatt, abends kurz den Plan besprochen und ein bisschen analysiert, vormittags kurz wiederholt. Mikkel ist eigentlich der Traum eines jeden Mannschaftsführers, ein hart arbeitender Spieler, der gerne Schwarz nimmt! Wenn er sein Arbeitspensum beibehält und wieder ein bisschen mehr Erfahrung im Turnierschach gewinnt, ist der Weg zum GM- Titel vorgezeichnet. Seine Vorbereitung bewegt sich fast überall schon auf 2600-Niveau.

Nikolaj Mikkelsen, 2/5. Elo -15.6

Wie am Ergebnis unschwer zu erkennen ist, war es nicht Nikolajs Turnier. Er erholte sich nicht völlig von dem Nackenschlag in Runde 4, als er ein gewonnenes Turmendspiel noch verlor. Allgemein ist es schwer zu beschreiben, wie hoch die Anspannung für einen Debütanten bei der Olympiade sein kann, ich erinnere mich noch sehr gut an meine ersten fünf Olympiapartien, die nicht wirklich besser waren. Dazu kam ein bisschen Pech, dass er unsere Vorbereitung nicht wirklich aufs Brett bekam. Ich weiss, dass Nikolaj ein sehr guter Spieler ist, dies wird er auch in Kürze wieder zeigen.

Dennoch bin ich sehr froh, Nikolaj in der Mannschaft gehabt zu haben. Als er die letzten vier Runden auf der Bank saß, nahm er dies nicht nur klaglos hin, sondern sorgte in Gegenteil stets für gute Stimmung und half bei der Vorbereitung. Mit seinen Russisch-Kentnissen und seinen people skills war er das ganze Turnier über eine unverzichtbare Hilfe für das Mannschaftsklima, organisatorische Fragen etc. Ihn die letzten vier Runden pausieren zu lassen, war übrigens nicht zwingend so geplant, er fing sich eine leichte Erkältung ein und in der letzten Runde diktierte die Farbverteilung meine Aufstellung. Wenn Nikolaj es in Zukunft mal nicht in die Mannschaft schafft, wäre er aus meiner Sicht ein überaus geeigneter Team captain.

 

Dies Das

Ein paar Worte noch zu zwei anderen Themen:

-Die Farbverteilung war nicht zwingend so geplant. Allan hatte 6/9 Schwarz, Jakob 7/10 Weiss, Mikkel 7/10 Schwarz. Wie schon erwähnt, hatte ich eine gewisse Präferenz dafür, Mikkel Schwarz zu geben. Ansonsten lag vieles daran, dass wir in der letzten Runde gegen Österreich die Farben wiederholt haben, hätten wir wie erwartet gewechselt, hätte sich eine etwas ausgeglichenere Konstellation ergeben. Nicht wirklich gezählt habe ich bei der Farbenfrage die erste Runde, gegen Hongkong mit 1900 im Schnitt sollte Weiss oder Schwarz keine Rolle spielen.

-Wir haben jeden Tag gegen 21:30 Mannschaftssitzung gemacht. Dabei habe ich die Aufstellung für den Folgetag festgelegt, nachdem ich mir kurz die Partien der morgigen Gegner angeguckt hatte.

Dieses System scheint mir nach wie vor richtig und alternativlos. Die Aufstellung langwierig in der Mannschaft zu diskutieren, kostet einfach nur Kraft und Zeit und kann sich negativ auf die Stimmung auswirken. Und wenn eine Entscheidung einmal sehr knapp ist, dann is sie das, weil es eh ziemlich egal ist, was man macht, grobe Fehler zu begehen ist also schwer.


Mir hat der Job sehr viel Spaß gemacht. Es war eine neue Erfahrung gegenüber meiner Arbeit als Sekundant, 4 Vorbereitungen und Aufstellung, Match angucken etc. zu koordinieren ist halt nicht das Gleiche, wie nachts ein paar Stunden gezielt auf einen Gegner vorzubereiten. Die schachliche Arbeit musste daher mehr in die Breite als in die Tiefe gehen, nicht immer konnte ich allen gleich helfen. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an die gesamte dänische Mannschaft, die mir den Job sehr leicht gemacht hat! Die Stimmung war durchgängig gut, die Einstellung und Moral hat stets gepasst, wir hatten viel Spaß! Ein wichtiger Faktor war hier auch die dänische Frauenmannschaft mit Käptn Thorbjorn Bromann, Dänen sind einfach sehr nette, entspannte Leute.

Dazu noch ein passables Endresultat, was will ich mehr. Nicht verkneifen kann ich mir in diesem Zusammenhang, kurz meine persönliche Olympia-Endtabelle mit den in dieser Kolumne behandelten Mannschaften zu bringen

1. Ukraine           19
2. Russland 1      18
8. Spanien          16 
15. Holland         15
19. Dänemark      15
51. Norwegen      12
64. Deutschland   11

Zum Abschluss möchte ich mich bei den Organisatoren der Schacholympiade bedanken. Die Stadt Khanty-Mansiysk, die zahlreichen Helfer, das sehr gute Hotel Olympic, der ausgezeichnete Bustransfer zu jeder Tages-und Nachtzeit,  der geräumige Spielsaal, das gute Essen, die Partys, der beeindruckende Empfang nach der letzten Runde mit Freigetränken und -Catering bis spät in die Nacht, die letztendlich problemlosen und billigen Charterflüge, all das hat dafür gesorgt, dass ich die Olympiade nur gut in Erinnerung behalten werde, es war mit Abstand die beste, an der ich teilgenommen habe. Die Latte liegt hoch, Istanbul 2012 und Tromso 2014!

6 Kommentare
chessdaniel
06.10.2010 14:23

Vielen Dank für die schönen Insiderberichte.

Super sympathisch, wie Du über Deine Manschaft schreibst. Schade, dass ich nicht ein paar Elopunkte mehr habe und Däne bin...

Herzliche Grüße

Daniel

André
06.10.2010 18:30

Danke für die schönen Berichte.
Wenn die Beschreibung der Tätigkeit des Bundestrainers, wie sie Arkadij Naiditsch einst für Chessvibes beschrieben hat, stimmt und wenn ich das mit deiner Arbeit für die Dänen vergleiche, regt sich bei mir der Gedanke, ob nicht auch in Deutschland mal ein neuer Bundestrainer frischen Wind bringen könnte. Vielleicht wäre das ja auch im Sinne der "echten" Nationalspieler...

Peter B.
06.10.2010 20:40

Auch von mir vielen Dank für die intimen Einblicke!
Auf bald in der Bundesliga!

DrJones
07.10.2010 07:04

Dankeschön!

Marcus
07.10.2010 21:03

Klasse Bericht!, Starke Olympiade, Weltklasse - Ukrainer. gute Dänen, miserable Deutschen ((o
und ein großartiger und wie immer sehr sympatischer Jan Gustasson!!

P.S. Dieses e4 e5 und Marschall ist nicht so mein Ding, aber glasklar und begnadet kommentiert (hab mir die Beispielvideos angesehen) Freue mich auf weitere Berichte und auf andere Eröffnungs DVD`s fg*

Vielen Dank!

BigZetto
08.10.2010 04:31

Guten Morgen Jan! Erstmal möchte ich mich meinen vorherigen Schreibern anschließen. Super Seite, super Berichte und Glückwunsch mit deinen Dänen und natürlich auch viel Erfolg mit Baden Baden. Normalerweise bin ich ja gegen die großen, aber du machst selbst "so einen" Verein für mich interessant.

Was schön wäre, wenn du den deutschen Schachfans hier nochmals genau erklären könntest, wie wo die Probleme mit dem Schachbund liegen. Ich würde auch vorschlagen, das du als vermittler zwischen Nationalmannschaft und Schachbund auftritts, weil du bist wohl noch der vernünftigste. Naiditsch mag mit einigen Thesen recht haben, aber anscheinend trifft dieser nicht immer den richigen Ton.

So das wars. Viel Glück für morgen.

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