Jans Kolumne

Talfahrt Teil 2

Alexander Grischuk erwies sich als störrisches Baby

Hikaru Nakamura hat seinen Worten auf http://twitter.com/gmhikaru keine Taten folgen lassen. Im World Blitz, das in Moskau direkt nach dem Tal-Memorial losging, hatte er einen holprigen Start, die angekündigte Zerstörung Grischuks ging ebenso danaben wie das prestigeträchtige Duell gegen Magnus Carlsen. Apropos Carlsen und Grischuk: Gerüchten zufolge soll es Bestrebungen geben, zu verhindern dass Letzterer den Weltranglistenersten bei den Kandidatenmatches ersetzt, was dazu führen würde, dass Radjabov direkt ins Halbfinale einzieht. Weiß jemand mehr?

In der entscheidenden Phase der Blitzpartie beeindruckte mich Grischuk einmal mehr mit starken Nerven und präzisem Spiel:

Nakamura (2741) - Grischuk (2771)

Stellung nach 26.Dh4

26... Dxd2! aktiviert unter Damenopfer alle schwarzen Figuren, die weisse Stellung ist praktisch kaum zu halten. 27.Txd2 Txd2 28.Kh1 Sd5! 29. De1 Txg2! der finale Touch 30.Kxg2 Sxe3+ 31.Kg3 Sc2 gegen den von Turm und Läufer unterstützten e-Bauern ist kein Kraut gewachsen, 0-1 (38)

Es muss gesagt werden, dass Nakamura am heutigen Tag 1 seine letzten vier Partien gewonnen hat und mit 7.5/14 noch in Lauerstellung liegt. Es führen nicht völlig überraschend Carlsen un Aronian mit 10/14. Ich drücke natürlich Svidler die Daumen, der mit 8.5/14 auch noch gut dabei ist. Morgen um 13 Uhr geht es weiter, sehr zu empfehlen ist die Liveübertragung auf http://video.russiachess.org. Wenn es klappt, werden die Partien auch im ICC und auf playchess übertragen. Turnierpartien per webcam und online zu verfolgen, halte ich nur selten über die volle Distanz durch, aber bei diesem Event könnte ich den ganzen Tag zugucken! Food for thought....

 

Rückblick aufs Tal-Memorial

Eines der stärksten Turniere des Jahres ist schon wieder vorbei. In Moskau gingen mit Aronian und Kramnik zwar "nur" zwei der Top 5 an den Start, aber mit zehn Teilnehmern, alle in den Top 20, sucht das Turnier mit Ausnahme von Wijk trotzdem seinesgleichen. Mal gucken, was aus meinen Prognosen geworden ist...

Gewonnen haben das Turnier Dr.Levon und Karjakin, wenn ich das Wertungssystem richtig verstanden habe. Aronian hatte in der ersten Runde Glück gegen Kramnik, gewann eine weitere Partie gegen Gelfand und remisierte den Rest. Ich weiß nicht, ob er restlos zufrieden ist, in einigen Partien, etwa gegen Karjakin, war er nah am Sieg. Klar ist, dass er eine Klasse erreicht hat, die ihn völlig ungefährdet durch so ein Turnier führen kann. Auch bei den Kandidatenmatches wird mit ihm stark zu rechnen sein.

Karjakin hatte ich nicht ganz vorne erwartet, aber er scheint seine gute Form von der Olympiade konserviert zu haben und auf einem neuen Level zu sein. Sein 1.e4 Aufschlag war wieder mehr als überzeugend, 2/2 gegen Russisch! Highlight der letzten beiden Runden war sein Sieg gegen Kramnik:

Karjakin (2760) - Kramnik (2791)

Stellung nach 14...h6

Erneut steht die Variante mit 5.Sc3 zur Debatte. Karjakin war seit zwei Zügen aus dem Buch, was seine Konzeption um so beeindruckender macht. 15.Le2! nach hxg5 spielt Weiss in aller Ruhe 16.hxg5, lässt g4 und f4 folgen, wonach D nach h2 und Matt stets in der Luft liegt. Der Computer hält die Stellung nach 15...hxg5 16.hxg5 Dd7! 17.g4 Lg6 18. Tdg1 (plant f4) f5! 19.gxf6 Lxf6 20. f4 Sf7! 21.f5 De7! mit Müh und Not, aber am Brett ist dies kaum machbar. 15...d5? Danach steht Schwarz bereits mit dem Rücken zur Wand. 16.g4 Lg6 17.f4 und Kramnik wurde der weissen Initiative nicht mehr Herr, 1-0 (32).

Überhaupt Russisch. Sowohl Kramnik als auch Gelfand mussten in letzter Zeit einige Niederlagen wegstecken, an Siege kann ich mich dagegen kaum erinnern. Ich vermute, die Hauptidee ist, dass, wenne s mit Russisch gut geht, die Partie häufig schnell verflacht und insbesondere Kramnik so mehr Kraft in seine Weisspartien legen kann. Aber die Russisch-Perspektiven beeindrucken mich im Moment nicht, ich bin froh, die Finger davon gelassen zu haben.  

Auch Mamedyarov kam am Ende auf 5.5/9, vor der letzten Runde lag er gar allein in Front, bevor Gelfand ihn stoppte. Ein starkes Ergebnis, seine Eröffnungsprobleme konnte er gut kaschieren, und danach ist er vor allem taktisch und im Endspiel eben saustark.

Bei +1 landeten Wang Hao, Grischuk und Nakamura. Für Wang Hao sicher ein Erfolg, vor dem Turnier der große Unbekannte, hat er mehr als überzeugend unter Beweis gestellt, dass er mithalten kann. 

Die Partie zwischen Grischuk und Nakamura war der große Aufreger der letzten Runde und inspirierte letztere zu seiner Ansage auf twitter:             

Grischuk (2771) - Nakamura (2741)

Nakamura stand seit geraumer Zeit auf Gewinn, nach etwa 84...De1 ist das Matt nicht fern. Nicht so nach 84...Df3?? 85.Sxe5+ Lxe5 86.Dxe5, die Dame deckt g3 und auf einmal ist die Stellung glatt remis. 

Trotzdem ein starke Turnier für den Amerikaner, wer hätte gedacht, dass er bei acht Remisen ungeschlagen bleibt? Grischuk war aus meiner Sicht nicht in Bestform, aber trotzdem +1 sprechen für sich.

Der Rest des Feldes wir geschlossen unzufrieden sein. Kramniks 50% entsprechen natürlich nicht seinen Ansprüchen, auch der sehr glückliche Letztrundensieg gegen Shirov wird ihn nicht trösten.

Gleiches gilt für Gelfand, der in der letzten Runde seine einzige Partie gewann und damit ein völliges Desaster abwendete. Shirov war wie befürchtet überspielt, Eljanov fand überhaupt nicht ins Turnier.

 

4 Kommentare
Gerhard
17.11.2010 11:09

Mich überraschte gestern doch etwas die Qualität der Blitzpartien. Wenn ich mich recht erinnere und das nicht Mythos ist, waren zumindest einige Blitzpartien Fischers von Hercog-Novi 1970 druckreif.

lvapatzer
17.11.2010 13:03

habe mal in sehr alten schachblättern ein zitat gm dargas
gelesen.sinngemäß:ich wäre froh über diese qualität(fischers blitzpartien)bei meinen turnierpartien.und darga war wahrlich kein schlechter!

brazil
17.11.2010 14:25

Die Live-Übertragungen via Web sind klasse. Sie sind ja etwas zeitversetzt im Vergleich zu den Zugübermittlungen. Das hatte zur Folge, dass man in der Partie Grischuk-Nakamura auf dem Server die Tragödie in der Schlussphase (vorab) sah und sich dann im Live-Stream auf die Reaktionen der Spieler vorbereiten konnte...
Hoffentlich wird so etwas schnell zum Standard.

Karlsruher
21.11.2010 16:28

"Gleiches gilt für Gelfand, der in der letzten Runde seine einzige Partie gewann und damit ein völliges Desaster abwendete. Shirov war wie befürchtet überspielt, Eljanov fand überhaupt nicht ins Turnier."

Dies stimmt so nicht ;-) Gelfand gewann auch in der 2. Runde gegen Shirov. Aber natürlich verlief das Turnier für den sympathischen Boris alles andere als erfolgreich, da stimme ich dir zu.

Mein Kommentar