Jans Kolumne

Tag 3

Puuh. Dachte ich wär schon wieder zu spät dran. Aber im Fernsehen läuft "Geboren am 4.Juli", also muss ich noch in der Zeit sein.

Hier gibts nix Neues, kommen wir also direkt zum Schachgeschehen:

Anish Giri ist holländischer Meister! Nach dem Erklimmen der 2700 sein zweiter großer Erfolg in kurzer Zeit. Und ein großes Problem für mich, ich muss mir langsam einen neuen Spitznamen überlegen. Mein bisheriger Vorschlag war dieser:

 

Macht keinen Sinn? Doch doch. Giri ist seit langen Jahren in eine Diskussion mit unserem französischen Freund MaxiMe  Vachier-Lagrave verwickelt, wer von den beiden "more genius" sei. Bisher war ich eindeutig auf Vachiers Seite, aber in Anbetracht der jüngsten Geschehnisse muss ich meine Position wohl überdenken.

MaxiMe vs. MiniMe

Den Landesmeistertitel sicherte sich Giri mit einem kleinen Zwischenspurt von 4/4 letztlich sehr souverän. Schließlich ist erst am morgigen Dienstag letzte Runde, aber er liegt bereits uneinholbar in Front.

Massive respec, happy birthday, blablabla!

Der heutige Sieg gegen Ruud Janssen sah nach einer wilden Partie aus, aber bei genauerem Hinsehen hatte der Meister stets alles unter Kontrolle. Stellvertretend der Schluss:

Janssen-Giri, Stellung nach 35.Lxf7

35... Sg3+ 36.Kg2 Tf2+ hübsch! Weiß gab auf, mir gefällt das Bild nach 37.Kxg3 Th3 (matt). 37.Dxf2 Txh2+! 38.Kxh2 Dxf2 matt dauert nur unwesentlich länger.

Wegen akkuter Einfallslosigkeit mach ichs auf Murmeltier-Basis und zeig als nächstes mal wieder einen Weißsieg von Loek, der sich statt auf der Landesmeisterschaft beim World Open in Philadelphia rumtreibt. Nachdem gestern "Bauerndurchbruch" das Thema des Tages war, ist es heute "Turmfang":

van Wely-Kacheishvili, Stellung nach 18.Da4

Der Turm auf b5 hat sich offensichtlich verlaufen, Schwarz verkehrt bereits in Schwierigkeiten. Das naheliegende 18...Lc6 wird mit 19.Da7! gekontert, die Drohung a4 kann Schwarz nicht zufriendenstellend parieren. Die beste Chance bestand wohl in 18...Ta8!? mit der Pointe 19.Dxb5? Lc6! und auf einmal ist es die weiße Dame, die auf b5 gefangen wird. Stärker ist allerdings 19.Db3!, die Drohung a4 macht Schwarz erneut zu schaffen und wird ihn wohl eine Qualität kosten, etwas 19...Lxe4 20.a4.

Kacheishvili versuchte es mit dem trickreichen 18...Lxe4. Die Pointe ist erneut 19.Dxb5? Lc6! Aber van Wely passt auf: 19.Se1! Sehr präzise. Nach dem Abtausch der Läufer bleibt der b5 ein Kind des Todes. Lxg2 20.Kxg2 Ta5 traurige Notwendigkeit 21.Sxa5 bxa5 22.dxc5 Sxc5 23.Dxa5 Se4?! verliert sofort, aber auch Sbd3 oder Db7+ waren auf lange Sicht hoffnungslos. 24.Tc4! Sc6 25.Db6! 1-0

Ansonsten laufen gerade die Mannschaftsmeisterschaften in Griechenland und der Türkei. In letzterer sorgen die Partien von Boris Savchenko wie gewohnt für hohen Unterhaltungswert:

Parligras (2626) - Savchenko (2630)

1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 Sc6!? f5 ist der "Hauptzug", nach 5.exf5 Lb4+ 6.Kf1 wirds chaotisch. Savchenko schnappt sich stattdessen das Läuferpaar, wenn auch auf Kosten des Zentrums. 5.Sf3 Sb4 6.0-0 Se7 7.Sc3 Sxd3 8.Dxd3 h6!? Hmm, was soll das? 9.d5 g5!? Ah. 10.Le3 Lg7 11.Ld4 f6 !? Das Läuferpaar wird behalten, koste es was es wolle 12.e5 lässt sich locken.. f5 13.d6 Sc8!?

Es folgte 14.Sb5 c5! 15.Sc7+?! Kf7 16.Lc3 Tb8 17.Sd2 Se7! und Schwarz gewann recht mühelos, 0-1 (38).

So, das wars für gestern, das Rätsel des Tages sollte diesmal lösbar sein:

40 Kommentare
mogelkatz
05.07.2011 08:38

Netter Blog-Eintrag, nur das Rätsel ist doch ein bisschen schwer, der gestrickte Maat ist reizend :))

Bei der Giri-Partie hab ich völlig den Überblick verloren, nicht einmal mehr das schöne Matt am Schluss gesehen. Aber tatsächlich hatte "MiniMe" ständig alles unter Kontrolle, für unsereiner sah der weiße Angriff allerdings furchterregnd aus...

Genius
05.07.2011 09:41

Was wissen MaxiMe und MiniMe von einem wahren Genie? Nix!

Die beiden sind davon meilenweit entfernt - allerhöchstens 'recht talentiert'.

Das Bilderrätsel war allerdings eine echte Herausforderung für 'Genius'.

Glückwunsch an Herrn Gustafsson: Sie liegen wieder voll im Zeitplan.

Mattovsky
05.07.2011 10:39

Das eigentliche Rätsel des Tages ist für mich, warum van Wely eigentlich 18.Da4 gespielt hat. Auf b5 zu schlagen droht doch wegen 19...Lc6 gar nicht?!
Auf 18...Ta8 soll 19.Db3 kommen. Na schön, aber warum geht er da nicht gleich hin? Warum erst Ta8 mit Tempo zulassen? Was ist das denn für eine Feinheit?

Südschachfreund
05.07.2011 14:17

Habt ihr die Besetzung der diesjährigen London Chess Classics mitbekommen? Anand, Aronian, Carlsen, Kramnik, Nakamura, Short, Howell, Adams.
Das wird ein Klasse Turnier - die Top 4 der Welt gegeneinander.

Gerhard
05.07.2011 14:56

Das könnte eine Beute von Aronian werden.
Carlsen hatte zuetzt Probleme gegen Anand und Anand gegen Aronian.

Südschachfreund
05.07.2011 15:31

@ Gehard: Zuletzt Probleme ist gut, aber wann? Carlsen gegen Aronian? Endete in Monace und Wijk jeweils Remis. Von Anand gegen Aronian kann man das eher behaupten, in Wijk Remis und in Monaco im Schnellschach verloren. Und davor in seinen Weißpartien im langen Schach hatte Aronian die Spendierhosen an und schenkte Anand einen Audi ;-) Wann hat Anand das letzte mal gegen Aronian im langen Schach gewonnen? Wenn ich recht informiert bin, im September 2007 mit Schwarz in der 2. Runde des WM-Turniers in Mexiko City 2007. Korrigiert mich, wenn ich falsch informiert bin.

Südschachfreund
05.07.2011 15:33

* Monaco; und meine mit Weißpartien Weiß: Anand, Schwarz: Aronian

Frankilein66
05.07.2011 16:25

Carlsen stabilisiert sich mit zunehmendem Alter auf hohem Niveau, in Rumänien hat er ohne seinen sonstigen leichten Aussetzer recht souverän gewonnen.
Bei allen Talenten wie Giri oder Nakamura, über kurz oder lang wird Carlsen Weltmeister, er ist für mich der Favorit in London.

mogelkatz
05.07.2011 16:43

QSüdschachfreund: Leider nicht die Top 4 (Stand Juli 2011), da fehlt Karjakin....der ist anscheinend so unscheinbar, dass er ständig übersehen wird ;)

Jan
05.07.2011 17:07

Ok, auf die Lösung scheint keiner zu kommen. Es handelt sich um das "erstickte Matt"

Südschachfreund
05.07.2011 17:09

@ mogelkatz: stimmt, aber mein Gefühl sagt mir irgendwie, dass Karjakins Position nicht sehr dauerhaft ist, kann aber auch sein, dass es mich täuscht, sehr gut kenne ich den nicht.
@ Frankilein66: Ob er sich stabilisiert, kann man nicht sagen. Letztes Jahr hat er in Rumänien und Nanjing auch ziemlich souverän gewonnen, um in Bilbao und London (von der 3-Punkte-Regel halt ich nichts) jeweils zwei Niederlagen zu kassieren, in London hätten es eigentlich 3 sein müssen. Wer zukünftig Weltmeister ist, weiß niemand. Bis 2014 bleibt es erstmal Anand (sry, aber in Gelfand habe ich diesbezüglich kein Vertrauen), und mit Carlsens Form ist es in Zweikämpfen nicht so leicht möglich, Anand beizukommen. Mein Favorit auf Anands Nachfolge ist derzeit Aronian (sry an Karjakin, Giri, Nakamura, etc.), und außerdem ist Anand mit einem Turniersieg im klassischen Schach überfällig. Darum drück ich ihm auch die Daumen. Apropos Turniere: Warum hat heuer kein M-Tel-Masters stattgefunden bzw. warum findet heuer laut ChessBase-Turnierkalender kein Bilbao und kein Nanjing statt?

Suisuique
05.07.2011 17:25

Och Jan, alter Spielverderber ;), wollte grad Lösung schreiben, aber musste natürlich erst noch die ganzen Kommentare lesen.

Das hat man nun davon :-))

In London geht es voll ab, ich bin gespannt, ob sich die TOP Leute bekriegen oder wieder die Friedenspfeife rauchen.

Südschachfreund
05.07.2011 17:31

@ Suisuigque: Ich glaube, die verdreschen sich gegenseitig. 3 Engländer sind einfach zu wenig für nen Turniersieg. Wenn wir Glück haben, wirds ein Turnier wie San Luis 2005.

hanjie
05.07.2011 17:58

Schon mal an Naka und Short gedacht?
Wenn die beiden in Form sind, können sie jeden schlagen.

@Jan: Echt jetzt, sooo ein schweres Bilderrätsel, wolltest uns wohl ins Schachgrab bringen, wa? ;)

Südschachfreund
05.07.2011 18:22

@ hanjie: Ich bin mir ziemlich sicher, dass Nakamura und Short mit dem Turniersieg in London nichts zu tun haben werden. Nakamura hat in Wijk gewonnen, und das wirds dann wohl gewesen sein. Und Short hat in den letzten Top-Turnieren, die er gespielt hat, nicht recht überzeugen können.

Gerhard
05.07.2011 18:23

@Südschachfreund, Du hast meinen Post nicht richtig gelesen.
Von "Carlsen gegen Aronian" schrieb ich nicht.
Im Übrigen spielt auch die Farbverteilung eine wichtige Rolle. Wer bekommt einmal mehr Schwarz?

Feni
05.07.2011 18:51

Danke für die Lösung Jan :D

Interessante und unterhaltsame Posts bisher, ich freue mich auf den Rest der Woche!

Südschachfreund
05.07.2011 18:57

@ Gerhard: Du hast Recht. Ich hatte wohl statt Anand Aronian gelesen. Was Carlsen - Anand anbelangt, so glaube ich, dass Carlsens Bilanz gegen Anand grottenschlecht ist. Die einzige Gewinnpartie von Carlsen gegen Anand weiß ich von Linares 2009. Ansonsten fallen mir v. a. Verlustpartien ein: letztes Jahr London und Bilbao, 2008 Morelia-Linares und Wijk, 2007 2x Morelia-Linares usw. ;-) Bin aber gespannt, wie Anand gedenkt, Aronian mal zu schlagen, denn als Weltmeister sollte man besser keinen Angstgegner haben. Was die Farbverteilung angeht, glaube ich nicht, dass sie nennenswerten Einfluss auf das Turnierergebnis haben wird. Höchstens auf das von Kramnik. Die anderen stehen m. E. nach auch mit Schwarz bereit, auf Gewinn zu spielen. Ich glaube, für Anand wäre es sogar von Vorteil, gegen Aronian mit Schwarz anzutreten ;-)

Gerhard
05.07.2011 19:16

@Südschachfreund,
das kann schon passieren, daß man auch als WM einen Angstgegner hat. Da gibt es, so denke ich, einige Beispiele aus der Geschichte, etwa Tal-Korchnoi.
Fischer jedenfalls konnte seinen Angstgegner Spasski besiegen, auch das gibt es.
Kramnik hatte eigentlich gegen Carlsen ein psychologisches Übergewicht, "holte ihn aber wieder rein" durch dieses leichtsinnige Remis, wo er eine Mehrfigur hatte.das passierte ihm fast genauso wieder.
Hoffe, daß er wieder seine normalen Spielstärke gegen Carlsen entfalten kann.
Mal sehen.
Die Farbverteilung ist in der Tat für Kramnik recht wichtig, für andere nur bedingt, das stimmt.

Südschachfreund
05.07.2011 19:31

@ Gerhard:
zunächst vorweg: ich bin eher Kramnik- und Anand-Fan, und zwar v. a. weil sie aus meiner Sicht Schach anbieten, dass objektiv korrekt ist, und sehr viel weniger einen eigenen Stil haben, deshalb kann z. B. mit Topalov, Shirov oder Carlsen aufgrund deren Risikoneigung weniger anfangen. ZUr WM: Mir wäre ein WM-Match Anand - Aronian am liebsten gewesen, weil es mit Abstand die meiste Spannung versprochen hätte. Ich glaube aber, dass Anand den psychologischen Ballast hätte abwerfen können. Nur zur Erinnerung: Vor seinen Kämpfen gegen Kramnik und Topalow hatte er gegen diese beide persönlich negative Bilanzen (was sie deshalb zu keinen Angstgegnern macht), konnte aber dann meist sehr gut auftrumpfen. Was mir an Aronian nicht gefällt ist, wenn er unter Siegeszwang steht, holt er riskante Partieanlagen heraus. Vertretungsweise seien hier seine Partien gegen L´Ami in Wijk Anfang des Jahres und die 2. Partie des Stechens gegen Grischuk in Kasan genannt. I

Gerhard
05.07.2011 20:06

@Südschachfreund,
Daß Du Kramnik-, Anand-"Bewunderer" bist, war mir bekannt.
Ich interessier(t)e mich vor allem für Kramnik-Partien, aus den von Dir genannten Gründen.

Aronians Fähigkeit, "trickreich" in einer schlechten Stellung Stolperfallen einzubauen, ist nicht zu verachten. Früher war ich da ganz entschieden, hielt nur "wissenschaftliche" Partieanlagen für wertvoll. Jetzt aber muß ich sagen, daß Aronian durch solche Eigenschaft sehr schwer zu schlagen ist und daß seine Partien spannend sind.

Die von Dir genannte Grischuk-Partie war m.E. ein Blackout. Die Partieanlage war völlig mißlungen. Das kann passieren. Wobei Dein Kriterium der Objektivität verletzt worden ist, da stimme ich zu.
Aber selbst Korchnoi hat gegen Karpov in der matchentscheidenden Situation plötzlich Pirc gespielt und kam ziemlich schnell in eine mißliche Lage.

Südschachfreund
05.07.2011 20:15

@ Gerhard: Nun ja gut, trickreich ist auch Anand, er und Aronian sind derzeit die wohl am schwersten zu schlagenden Spieler der Welt. Kramnik spielt außer Form - wenn du mich fragst. Man kann schon mal eine Partie verlieren, aber nicht so wie Kramnik Anfang des Jahres in Wijk gegen Carlsen - furchtbar. Wie er seine Gewinnstellungen 2x gegen Grischuk und gegen Carlsen in London nicht verwerten konnte - von ihm hätte ich mir da anderes erwartet. Was heißt außer Form: sehr inkonstant. Man hat den Eindruck, das wechselt von Turnier zu Turnier, Mal hüh, mal hott.

Gerhard
05.07.2011 21:48

@Südschachfreund, Du hast recht. Es tut weh, was Kramnik zuletzt gezeigt hat. Er überspielte Carlsen völlig...und konnte dann den Sack einfach nicht zumachen. Das war völlig untypisch.

Thomas Oliver
05.07.2011 23:02

@Frankilein66: Bei seinem "recht souveränen" Turniersieg lag Carlsen ganze 0,25 Sonneborn-Berger Punkte vor Karjakin ... . Natürlich war es ein tolles Turnier, aber von beiden gleichermassen. Bei Karjakins Ergebnissen der letzten 1 1/2 Jahre fallen (mir) zwei Dinge auf:
- Zwischen Corus 2010 und Bazna 2011 spielte er nur in bzw. für Russland - mangels anderer Einladungen?
- In fast jedem Turnier gewann er Elopunkte dazu, einzige Ausnahme European Club Cup wo er ein Pünktchen verlor. Damit war er wohl nicht schlechter und ausserdem konstanter als Carlsen, der noch vorhandene Elo-Unterschied liegt vor allem daran dass Carlsen vor ein bis zwei Jahren noch deutlich besser war. Rang 4 für Karjakin ist sicher kein Zufall, eher ist noch mehr drin.

Dass Karjakin, wie mogelkatz schreibt, "übersehen" wird liegt meiner Meinung nach auch an Carlsens zahlreichen Fans einschliesslich mancher Journalisten. Ich fand den Bazna-Abschlussbericht auf TWIC (= London-Organisatoren) etwas seltsam:
"Carlsen wasn't quite as impressive as last year [das lässt sich nicht leugnen] but did play the most interesting games in a generally subdued tournament. Karjakin confirmed his 6th ranking in the world without being at his best."
Hmmm, Karjakin verbesserte sich dank bzw. (Live-Liste) während Bazna von sechs auf vier, und "without being at his best" ist höchstens ein recht seltsames Kompliment: Wenn der zweitbeste Karjakin geteilter Turniersieger wurde mit TPR 2863, was hätte der beste Karjakin dann erreichen können??

Thomas Oliver
05.07.2011 23:17

Abgetrennt noch zu Jans Beitrag: Bei Giri und Vachier-Lagrave isses meiner Meinung nach ähnlich. Giris Erfolge werden zu Recht erwähnt, aber VL wird auch relativ übersehen. Was Giri gerade schaffte hat Vachier-Lagrave schon lange erreicht: Elo über 2700 zum ersten Mal im Oktober 2008 (was - ausserhalb Frankreichs? - kaum jemandem auffiel oder niemand interessierte), französischer Meister (und das Turnier ist keineswegs schwächer als die NL-Meisterschaft) schon 2007.

In ihren drei letzten gemeinsamen Turnieren (Biel, Hoogeveen, Tata) lag Vachier-Lagrave jeweils klar vor Giri. Nakamuras 7.5/13 in Corus 2010 wurden von dessen Fans ausgiebig gefeiert, Vachier-Lagraves 7.5/13 ein Jahr später gingen eher unter - u.a. weil dieselben Naka-Fans jede Menge Lärm machten.

Natürlich ist Giri jünger und hat noch Luft nach oben, aber die hat Vachier-Lagrave auch. Persönlich gönne ich beiden ihre bisherigen und zukünftigen Erfolge, dito für Karjakin. Bei Carlsen und Nakamura nerven mich ihre zu fanatischen Fans, und in beiden Fällen manchmal auch ihr eigenes Verhalten abseits des Schachbretts.

Uebrigens erscheint mir die Rivalität zwischen Giri und Vachier-Lagrave sehr freundschaftlich. Zum Beispiel antwortete Giri im New in Chess Fragebogen auf "What was your best game?": mein Sieg gegen Vachier-Lagrave ... im Tischfussball.

Cliff
05.07.2011 23:27

@ alle Kramnik-Fans: Der Mann hat doch außer seinem Lucky-Punch gegen Kasparov nicht wirklich etwas geschafft. Mir ist es schleierhaft, wie man "Fan" von diesem Langweiler sein kann. Gegenwärtig spielt er halt das, was er kann. Dass er zuvor zufälligerweise einmal besser, bzw. seine Gegner schlechter, waren, ist das eigentlich Bemerkenswerte.
@alle Carlsen-Hasser auf diesem blog: Positiv an Carlsen ist doch v.a. seine jugendliche Unbekümmertheit. Wahrscheinlich wird in jede Niederlage wurmen, aber er spielt einfach weiter. Die anderen Langweiler (Anand, Kramnik und Konsorten) dagegen geben doch lieber bei der erstbesten Möglichkeit Remis. Womit wir wieder bei Kramnik wären: Gegen Carlsen hat sich gezeigt, dass Kramnik total überschätzt wird: Nicht einmal eine gewonnene Partie bringt er nach Hause.

Nariu
06.07.2011 00:47

Carlsen sieht Schach ja auch mehr als Sport denn als Wissenschaft. Notfalls entscheidet die Kondition.
Grischuk jedenfalls scheint einiges von ihm zu halten.
http://www.whychess.org/node/514


N, TO, N G, D D E C H B.
:-)

DirkBredemeier
06.07.2011 00:57

@Cliff: Dein Kommentar zu Kramnik ist unsachlich.
- Wie man ein +2 = 13 gegen Kasparov bei beiderseits mehreren ausgelassenen Chancen in den Remispartien als "lucky punch" bezeichnen kann, ist mir schleierhaft.
- "nicht wirklich etwas geschafft..." Na ja, in einem recht kurzen 12-Partien-Match gegen Topalov (damals wenn ich nicht irre deutlicher Ranglisten-Erster) einen Rückstand ausgleichen und trotz der Vorgabe einer Weiss-Partie (nicht gespielte und als Verlsut gewertete 5. Partie nach "Toilet-Gate") das Match letztendlich zu gewinnen, ist nicht wirklich "etwas"
- "Gegen Carlsen hat sich gezeigt...." Der äusserst umkämpfte und schöpferisch sehr interessante Schwarzsieg von Kramnik in Wijk 2010 (http://www.chessbase.com/newsdetail.asp?newsid=6090) hat natürlich - bei dem "Langweiler" Kramnik - gar nichts zu bedeuten.
- Hinreichende Angriffsfläche dürfte Kramnik allerdings mit seinem enttäuschenden Auftreten bei den Kandidatenkämpfen in Kasan geboten haben. Vielleicht hast du, lieber Cliff, als mutmaßlicher Carlsen-Enthusiast diesen Wettbewerb aber gar nicht zur Kenntnis genommen.
- Nichts gegen Carlsen - ausser dass er auch in Anbetracht seines Alters mir im rein Schachlichen äusserst verbissen scheint und beim Blitzen mehrfach versucht hat, Züge zurückzunehmen (gegen Kosteniuk, Gashimov und Savchenko, z.B. hier http://www.youtube.com/watch?v=1B-WLROGoNg; oder hier: http://www.youtube.com/watch?v=n5QnEfVfKxw).

hanjie
06.07.2011 01:01

Also, ich halte zwar von Carlsen echt eine Menge, aber Cliffs Beitrag kann ich mich dennoch nicht anschließen.

Es ist auch eine Kunst, Gefahr zu wittern und eine Partie auch ins Remis zu schicken, wenn's brenzlig wird. Vor allem Anand ist diesbezüglich Weltklasse, er hat ein Gespür dafür wie kein Zweiter.

Carlsen ist genau hier ungemein anfällig und genau deswegen momentan noch keineswegs WM-fähig. Er verliert einfach zuviele Partien die er falsch einschätzte, in denen er problemlose Remisen hätte erzielen können.

Carlsen wird einer der nächsten Weltmeister werden, da bin ich mir sicher.
Die Klasse von Kramnik, Anand oder Aronian hat er allerdings noch nicht.
Dazu fehlen ihm momentan noch die Beweispartien in Sachen Verteidigung.

Frankilein66
06.07.2011 08:36

@Thomas Oliver

Mit der bereits einschränkenden Formulierung "recht souverän" wollte ich lediglich andeuten, dass Karjakin in der letzten Runde gegen Carlsen nie eine Siegchance hatte und offenbar auch gar nicht versucht hat, Carlsen noch vom ersten Platz zu verdrängen!
Formal gesehen und wenn man unbedingt Erbsen zählen möchte, war Carlsens Sieg natürlich knapp.
Ich hoffe, diese Ansicht findet Gnade vor ihren strengen Augen.

Thomas Oliver
06.07.2011 09:11

@Frankilein66: So gesehen (durch die Carlsen-Fanbrille) hast Du Recht - wobei Karjakin mit der Schlussrunde durchaus zufrieden sein konnte: ungefährdetes Schwarzremis gegen Carlsen, zweiter bzw. (so sahen es BEIDE Spieler in der anschliessenden Pressekonferenz) geteilter erster Platz, geteiltes Preisgeld, Bilbao-Einladung, das reicht doch ... .

Meine strengen (ich würde sagen objektiven) Augen stört eben das Bild das einige Leute zeichnen, wie gesagt auch Journalisten: Carlsen spielte hervorragend und wurde Turniersieger, Karjakin spielte auch nicht schlecht und wurde zweiter. Oder mit George Orwell: "Carlsen and Karjakin scored an equal number of points, but Carlsen is more equal than Karjakin." Ich vermute mal dass der Tiebreak für Carlsen-Fans nicht so wichtig wäre, wenn er zufällig Karjakin bevorzugt hätte.

Bardeleben
06.07.2011 09:41

Also ehrlich gesagt finde ich die Zugzurücknahme von Carlsen zumindest gegen Gashimov, wo man die Reaktion der Spieler sehen kann, wenig dramatisch. Er blundert, korrigiert sich, diskutiert danach aber auch nicht lange. Der Mann ist noch sehr jung und steht unter enormen Druck, wer wird da gleich die Moralkeule schwingen wollen. Dass Carlsen in riskanten Partien nicht die Remisendung findet, halte ich für Unsinn, viel mehr holt er aus scheinbar toten Partien oft noch einen Punkt; dass er dabei auch mal hier und da eine Partie liegen lässt, lässt sich nicht vermeiden, im Endeffekt zeigen sein Rating und seine Turnierergebnisse aber, dass er damit weiter kommt als seine Hochsicherheitskollegen. Aufgrund dieser Fähigkeit würde ich ihm auch in einem beliebigen Match viel zutrauen, die Ansicht, er wäre dort noch zu unstabil, halte ich für ein Vorurteil. Seine gelegentlichen Durchhänger kommen mir eher wie Motivationsprobleme vor - man schaue sich mal einige Verlustpartien an: oft gegen deutlich schwächere Gegner und durch ziemlich offensichtliche Fehler.
Ob im übrigen Karjakin oder Carlsen stärker ist, wird die Zukunft zeigen, jedenfalls darf man sich auf spannende Kämpfe freuen - den beiden gehört mit Sicherheit die Zukunft, denn ewig werden auch Anand und Kramnik sich nicht halten können, am längsten wohl noch Aronjan. Wer das attraktivste Schach spielt - Geschmackssache; das ist wie die alte "Karpov oder Kasparov"-Frage, kommt auf den Spielertyp an, den man bevorzugt.

Frankilein66
06.07.2011 10:00

Ich könnte auch argumentieren, dass Karjakin in Bazna nur deswegen in die Nähe des Turniersieges gekommen ist, weil er gegen einen neben sich stehenden Ivanchuk quasi zwei Punkte geschenkt bekommen hat.
Aber das wäre unsachlich und würde zu weit führen.
Carlsen ist 20 Jahre alt und spielt auf absolutem Top-Niveau. Wenn er noch 4-5 Jahre weiter hart an sich arbeitet und nicht die Liebe seines Lebens kennenlernt, ist er mit 25 im besten Schachalter und wahrscheinlich auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Im Moment sehe ich niemanden, der ihm dann die Nummer 1 streitig machen könnte.
Nakamura mistet zur Zeit sein zweifelhaftes Eröffnungsrepertoire aus und spielt Zweikämpfe (Ponomariov) um sich auf lange Sicht mit Carlsen zu messen. Nakamura will Weltmeister werden, ein WM-Kampf Carlsen-Nakamura wäre ein absoluter Schach-Leckerbissen auf den wir uns alle freuen könnten.

Gerhard
06.07.2011 10:11

Ziemlich ausgewogen,@Bardeleben! Sachlicher kann man kaum sein. Danke!
Was @Thomas Oliver zum Thema Fokus sagt, ist substantiell. Karjakins feat wurde garnicht so sehr wahrgenommen und publiziert, dabei ist der Mann eine echte Bereicherung und bewegt sich offenbar auf gleichem Niveau wie Carlsen.
Auf chessintranslation äussert sich Karjakin auch zu Kramnik, dem er unlängst assistierte: "Wir haben beide unsere Pluspunkte..meiner ist ganz sicher das Alter und damit verbunden die Kondition". Er erwähnt m.E. auch das ungeheure Wissen, das Kramnik angehäuft hat. Wobei man Wissen in meinen Worten eher durch Spielverständnis ersetzen sollte.

Cliff
06.07.2011 12:55

@ DirkBredemeier
Wenn Du Kramnik so sehr verteidigst - was war denn mit der "Toilettenaffäre", die bis heute nicht aufgeklärt ist?
Und Kasan habe ich sehr wohl wahrgenommen, und gerade auch die absurden Ausführungen von Kramnik, die ja nur eine Zusammenfassung seiner schon vorher getätigten Aussagen zum Schach sind.

Gausdal
06.07.2011 13:45

Die Fangemeinde wartet gespannt auf Tag 4, 4.5 oder 4.99 ;-)

RainPiper
06.07.2011 13:58

Sorry, wenn ich die hitzigen Fan-Diskussionen unterbreche, aber darf ich zwischendurch noch was zu Janssen-Giri fragen?

Das Finish war zweifellos spektakulär -- aber der Hauptgrund war, dass Janssen im 25. Zug ziemlich spekulativ eine Figur geopfert hat. Einen Versuch war's wert (allemal aus der Sicht der Zuschauer). Aber wäre nicht vielleicht so etwas wie 25. Lxf5 Lxf5 26. Dxe3 haltbar gewesen?

Südschachfreund
06.07.2011 14:10

Also die Diskussion ist ja hochinteressant geworden.
@ Cliff: Der "Langweiler" Anand hat im Vergleich zu Carlsen in Wijk auch nur eine Partie weniger gewonnen als er, dafür aber keine verloren. Außerdem gehts um eine gute Platzierung und eine gute Elo, und da kannst du nicht verlangen, dass jemand, wenn eh schon alle Ampeln auf Rot stehen, noch weiterspielt und verliert. Da würd ich auch Remis machen. Die 10 Niederlagen letztes Jahr waren wohl kein Zufall. Auch heuer sind es schon wieder 2 Stück, und das waren sicher nicht die letzten heuer. Anand und Aronian glänzen mit keinerlei Nullen.
@ Bardeleben: Dass sich Anand und Kramnik nicht ewig halten können, ist klar Carlsen ist 20, Anand 41 und Kramnik 36. Der Altersunterschied ist gehörig. Aronjan hingegen ist auch "erst" 28 und kann sich mit Sicherheit noch 15 Jahre behaupten, wenn er will. Und Vishy ist derzeit in Topform, der wird mindestens noch bis 2015 mitspielen, wett ich. Und Gelfand, der WM-Herausforderer, ist 42. Also insofern - so schnell wird Carlsen die Langeweiler nicht los werden. Und außerdem zeichnet er sich gegen Anand durch eine hoffnungslos negative Bilanz aus. 1 Gewinnpartie stehen weiß ich wie viel Verlustpartien gegenüber. Das auch noch zum Thema Langeweile.

DirkBredemeier
06.07.2011 14:48

@Cliff:
Über die "Toiltten-Affäre" kann sich jeder anhand der zahlreichen dazu veröffentlichten Publikationen sein eigenes Bild machen - ich will deines nicht vorwegnehmen.
Allerdings will ich meine Meinung auch nicht verhehlen. Ich glaube, es war Short, der sinngemäß sagte: Nachdem Topalov 0:2 hinten lag und in den Partien 3 und 4 keine echte Siegchance hatte, wurde seinem Lager klar, dass man etwas aussergewöhnliches gegen den Mann unternehmen musste, der in 17 Partien in Folge gegen Kasparov ungeschlagen blieb...
Dem stimmte ich zu.

mogelkatz
06.07.2011 15:29

Es ist aber doch nicht nur so, dass die Zeit für Carlsen arbeitet und er bloß warten muss, bis die "alten Säcke" wie Anand, Kramnik (und auch Gelfand) abbauen. Denn an jungen Talenten fehlt es der Schachwelt nun wahrlich nicht. Über Karjakin haben wir schon geredet, auch über Giri, der übrigens nach der NL-Meisterschaft mit seinen 17 Jahren etwa die gleiche ELO hat wie Carlsen in dem Alter. Aber da stehen ja noch weitere in den Startlöchern, zB in China, Vietnam, auch Indien. Ob die es wirklich in die Weltspitze schaffen, ist natürlich noch nicht ausgemacht. Aber dass nach Carlsen nichts mehr kommt, glaub ich auch nicht. Und vielleicht gibt es ja auch unter den jungen Spielern, die jetzt zwischen 20 und 25 auch noch den ein oder anderen, der einen noch einen größeren Sprung nach Vorne macht. Also in der Rechnung gibt es noch mehrere Unbekannte...Dass allerdings ein deutscher Spieler im WM-Titelrennen mitmacht in den nächsten 10 Jahren - das zumindest kann man mit einiger Sicherheit voraussagen ;)

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