Jans Kolumne

London mit hindsight

Captain Hindsight

Jack Brolin war einst ein gewöhnlicher Zeitungsreporter. Aber er wollte mehr. Bei einem gewagten Selbstversuch kreuzte sich seine DNA mit der einer radioaktiven Spinne. Seitdem ist er mit einer unheimlichen Gabe gesegnet. Sofort nachdem eine Katastrophe geschehen ist, weiß er, wie sie hätte verhindert werden können. Nur helfen kann er nicht. Nun fliegt er als Captain Hindsight um die Welt und erklärt den Opfern, was sie hätten besser machen können. Heute wollen wir versuchen, sein immens nützliches Talent auf Schach anzuwenden.

Bei den London Chess Classic lief am heutigen Mittwoch die erste Runde. Es gab drei entschiedene Partien, Kramnik besiegt Short, Carlsen unterliegt McShane und Adams setzt Howell matt. Anand kam mit den weissen Steinen gegen Nakamura nicht über die Punkteteilung hinaus. Mit Hindsight (ein sehr gutes Wort, die deutsche Übersetzung "im Nachhinein" wird ihm nicht gerecht, es fehlt das Besserwisserische) und Engines bewaffnet, wollen wir schauen, was die Beteiligten hätten besser machen können.

Es geht los mit Anand-Nakamura. Anand wählte 1.e4 und konnte in einer modernen Variante der Berliner Mauer einiges an Druck entwickeln, die Partie mündete in dieses Endspiel:

Anand (2804) - Nakamura (2741)

Stellung nach 32.Kxd1

Hindsight sagt: Schwarz stellt den König nach f5 und die Stellung ist Remis. Wie der Partieverlauf zeigt, können alle weissen Versuche, am Damenflügel durchzubrechen oder durch Zugzwang zu gewinnen, erfolgreich pariert werden. Anand hätte 1.d4 spielen sollen!

Magnus Carlsen musste gegen McShane eine bittere Niederlage hinnehmen, die eine erfolgreiche Titelverteidigung natürlich deutlich erschwert. Nach unorthodoxer Eröffnung, McShane griff überraschend zu dem rapide populärer werdenden 1.c4, kam es zu dieser Position:

McShane (2645) - Carlsen (2802)

Stellung nach 17...Db6

Die Stellung ist ungefähr ausgeglichen. McShane entkorkte hier 18.Sc6!?, der Springer ist unantastbar. Te8 19.Sb4 f5?! Sehr gewagt. McShane verzichtet auf das kritische 20.Sd5 Dd8 21.Sg5!, die Pointe ist 21...e6 22.b6! Dxg5 23.Sc7 und Weiss gewinnt die Qualität. Stattdessen folgte das solide 20.Sc3, und Carlsen greift erneut fehl: 20...Dc5? verliert einen Bauern, nach 20...Da5 ist nicht viel los 21.Sxa4! Da7 22.Sa6!! die Pointe und der Zug, den Carlsen übersehen haben muss. Nach 22...bxa6 23.b6 Sxb6 24.Txb6 Tb8 25.c5 ist die Partie nicht mehr zu retten. 1-0 (39) 

Hindsight sagt: An der Eröffnung lag es nicht. Aber durch 18. Sc6 hätte er gewarnt sein  und das Motiv 22.Sa6 auf der Rechnung haben müssen, so etwas lässt sich ein McShane in guter Form nicht entgehen.

Kramnik konnte sich mit Schwarz gegen Short durchsetzen. Schon die ersten Züge waren erstaunlich: 1.e4 e5 2.Lc4 Sf6 3.De2?!! Dieser Zug ist so selten, dass er nicht einmal auf meiner neuen DVD erwähnt wird. So selten, dass selbst Schachunski ihn schon gespielt hat. Und der spielt wirklich nur Quatsch. In dem Stile ging es weiter. Lc5 4.d3 0-0 5.Lg5 c6 6.Sd2 sieht alles etwas willenlos aus, aber mit Weiss kann mans ja machen. Kramnik glich bequem aus, und Short sollte später mangels Plan auf Abwege geraten. 0-1 (38)

Hindsight: Short bezahlt wie schon häufiger in der ersten Runde den Preis für seine mangelnde Praxis. Kramnik mit Freestyle zu verwirren, ist gerade in dieser Situation ein riskanter Plan, er hätte eine solide Hauptvariante wählen sollen.

Im innerbritischen Duell zwischen Adams und Howell konnte Ersterer einen überzeugenden Sieg einfahren. Howell spielte nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.d4 nicht den Hauptzug Sd6, sondern das seltene Le7 6.De2 Sd6 7.Lxc6 bxc6 8.dxe5 Sb7 Mir hat diese Variante nie gefallen, der Springer auf b7 sieht einfach zu dämlich aus. Aber ein starker Spieler wie Malakhov hat zuletzt häufig so gespielt und meist ohne große Probleme remisiert. Gut gefällt mir Adams nächster Zug, 9.c4!?, was ein bisschen an Raum abgreift, bevor er Sc3 spielt. Ein paar Züge später stand es so:

 

 

Adams (2723) - Howell (2611)

Stellung nach 14.Lg5

Schwarz steht etwas schlechter, aber nach 14...d6 wäre noch nichts Schlimmes passiert. Stattdessen begab sich der Springer mit 14...Sd3? auf Abwege. Nach 15.Te3! Sxb2 16.Tae1! hat Weiss beunruhigend viele Figuren am Königsflügel versammelt, Sxc4 scheitert bereits an 17.Te7! Auch das gespielte Lxg5 17.Sxg5 Df6 konnte die schwarze Sache nicht mehr retten, Adams gewann mit leichter Hand im Angriff. Am Ende stand es so:

 

Stellung nach 28.Se4

Hindsight sagt: Schlechte Eröffnungswahl, ruhige Stellungen mit strukturellem Vorteil sind nicht gerade Gift für Adams. Und bei 14...Sd3? hätte Howell auch ohne große Berechnungen klar sein müssen, dass die weisse Initiative schnell übermächtig werden würde.

Das wars für heute. Wer mehr über die Saga von Captain Hindsight erfahren möchte, wird auf southpark.de fündig.

Wer die London Chess Classic verfolgen möchte, dem seien die Kommentare auf dem playchess-Server ,im ICC oder auf der offiziellen Seite, mit sehr gutem livestream!, ans Herz gelegt.

9 Kommentare
Patzerle
09.12.2010 08:42

in der Anand Partie scheint es als wenn c4 der entscheidende weiße Fehler war.
Anand wollte wohl nicht immer mit schwarzem c4 rechnen müssen und hat ja auch in der Folge konsequent den Damenflügel abgesperrt - was ihm dann selbst zum Verhängnis wurde.
Stattdessen sieht Kg2 (Idee f4) Th2+ Kf1 nebst Ke2 und f4 so aus als sollte Schwarz zu spät Kommen um die Blockade zu errichten.
Der Minuspunkt ist, dass Schwarz selbst mit c4 aktiv werden kann, dennoch sollte Weiß bei genauem Spiel dieses Endspiel gewinnen.
(c4 hat Vishy übrigens sehr schnell gespielt, vermutlich der einzige Schablonenzug in der gesamten Partie und dann das...^^)

f5 bei Carlsen hat McShane als "correct" bezeichnet, Carlsen selbst sagte zu dem Zug "necessary" - erst Dc5 ist halt der Fehler, was Carlsen auch so gesagt hat.

Gerhard
09.12.2010 10:08

Very insightful, Hindsight!

ro
09.12.2010 10:52

Die Kommentare sind ein Genuss - ungefähr wie argentinisches Rindersteak mit einer Flasche gutem Rotwein...danke und weiter so..

hanjie
09.12.2010 17:31

Hrrr, und heute ist deren Webseite nicht erreichbar.

Heißt das nun, dass sie nun FÜR oder doch GEGEN Wikileaks sind und deswegen weggepustet wurden? :)

(Die Alternative - "zu viele Schachfans wollten das Spektakel live miterleben und haben den Server überlastet" wäre einfach viel zu einfach und langweilig (boooooring). ;) )

Peter B.
10.12.2010 11:00

Sag mal lieber Blogger,

in der Aufstellung fürs kommende Bundesligawochenende habe ich dich nicht gesehen!!??

Karol Lalla
10.12.2010 11:08

Hallo Jan!

Du bist auch GM der deutschen Sprache. Ich bin dafür das Schach für Jedermann im TV und die Zeit-Schachkolumne mit dir neu aufgelegt wird ;-)

LG Karol

Schach-Bundy
10.12.2010 18:08

Schach im Fernsehen. Hab nie verstanden, wieso daß in die Nacht geschoben wurde, und dann gar nicht mehr kam. Manchmal wird ja sogar live aus dem Bundestag berichtet, oder 3. Wiederholung von "Landschaftsimpressionen mit dadaistischen Gedanken".
Ey, Du hast nen Blitz-Tunier gewonnen! War wohl nicht die College-Meisterschaft. Kann ja nicht jeder nen Football-Held sein. Trotzdem Glückwunsch!

joesy
11.12.2010 11:43

lieber Jan,

weiß nicht ob das in diesen Thread gehört. Du hattest mal ein paar Buchempfehlungen gegeben (abgesehen von deinen DVDs :-). Kann diese aber nicht mehr finden. Gibt es sowas wie deine DVD (auch möglicherweise in Buchform) für 1. d4, was empfehlenswert ist?

und wenn ich gerade schon mal dabei bin.. Gibt es irgendeinen Titel, den du gerade für Spielstärken um die 1900 zur Verbesserung empfehlen kannst?

Danke dir.

Jan
13.12.2010 02:18

@patzerle: Ich hab beim live-gucken auch überlegt, ob Vishy ohne c4 gewinnen kann, dachte aber auf den ersten Blick, dass das Endspiel auch so remis ist.

@joesy: Ein paar Buchtipps stehen unter http://www.jan-gustafsson.de/ueber-jan/jan-sportlich/.
Kasparovs Bücher lesen schadet sicher nicht, Puzzle books wie das neue von Shaw oder das von Volokitin auch nicht. Jeder hat verschiedene Probleme, mit Pauschalurteilen "für 1900" oder "für 2200" tue ich mir schwer. Wichtig ist immer, zu versuchen zu verstehen und nicht nur zu konsumieren. Der letzte Satz geht hauptsächlich an mich.

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