Jans Kolumne

Hab kein Wortspiel mit Biel

Aronian-Karjakin, Stellung nach 16...Lxf6

In der eloschwersten Partie des Tages erwischte Dr.Levon Karjakin in der Eröffnung und stellte in hier mit 17.Sxc6! vor schwere praktische Probleme.

Mir fällt echt nichts ein. Jessica Biel, "Willst du viel, spiel in Biel", "Biel, Satz und Sieg?" Alles nicht das Wahre. Bin heute nicht rhetorisch gewitzt wie Marcel Reich-Ranicki.

Aber nützt ja nix, hab in den Kommentaren angesagt, dass heute noch was kommt. Und Jan Delay ist als Künstlername leider schon vergeben.

Konzentrieren wir uns also aufs Schach und gehen in aller Kürze die Highlights aus Biel und Ningbo durch.

World Team Championship

Russland-Armenien 2-2! Svidler schlägt Sargissian, aber Aronian  gelingt am Spitzenbrett der Ausgleich gegen Karjakin. Eine durchaus typische Levon-Partie, starke Vorbereitung, gute Technik.

Aronian-Karjakin, Stellung nach 12...b5

In dieser durchaus bekannten Stellung aus der Meraner Variante griff Aronian zu 13. Lb3!?, auf das bisher noch keiner verfallen war. Beide Protagonisten kennen sich in den Weiten des Halbslawen natürlich bestens aus, aber es scheint ihm gelungen zu sein, Karjakin damit auf unbekanntes Terrain zu leiten. 13...exd4 14.Sxd4 Sc5 sehr logisch, den Läufer schnell beseitigen zu wollen. 14...c5, um diesen mit c4 zu fangen, scheitert an 15.Sd5! 15.Lg5 Le5 15...Te8, was die Verdoppelung der Bauern erlaubt, ist häufig eine Option, scheitert hier aber analog zur Partie an 16.Lxf6 gxf6 17.Sxc6! 16.Lxf6 sehr direkt. Auch die positionelle Gangart mit 16.Tac1 Lb7 17.Le3 !? kam durchaus in Betracht. 16...Lxf6 und wir haben unser Titeldiagramm erreicht. 17.Sxc6! die Pointe, die sicherlich noch der Vorbereitung entsprungen ist. Ein typisches modernes Dilemma für Karjakin. Den prinzipiellen Zug spielen und riskieren, ohne Spiel zu verlieren oder eine schlechtere Stellung in Kauf nehmen? Er entschied sich für Nummer zwei. 

Levon dagegen riskiert nichts, wird er doch gewusst haben, dass Schwarz laut Computer nach 17...Sxb3 18.Sd5! Sxa1 19.Dc5! Db7 20.Sce7+ Lxe7 21.Sxe7+ Kh8 22.Sg6+ hxg6 23.Dxf8+ Kh7 24.Td8 g5 25.Dh8+ Kg6 26.Tg8 f5! zwar remis hält. Aber dabei muss er genug einzige Züge finden, auch abzuschätzen, dass am Ende der erzwungenen Variante nicht doch der Weisse gewinnt, ist von weitem so gut wie unmöglich. Sprich, Vorbereitung lohnt sich! Karjakin griff zu 17...Lb7 18.Sd4 Sxb3 19.Dxb3 Tad8, war aber nach 20.Sd5 zu einer langen Verteidigung mit Minusbauern verdammt, die letztendlich misslingen sollte. 1-0 (74)

Biel

Beim Sechserturnier in Biel stand die zweite Runde auf dem Programm. Auch Carlsen gelang es, seinen Gegner Shirov in der Eröffnung zu überraschen:

Carlsen - Shirov, Stellung nach 13.Sd4

Gleiche Eröffnung wie oben, anderes Abspiel. Der letzte weiße Zug, 13.Sd4, ist zwar bekannt, galt aber zuletzt nicht als sonderlich gefährlich. Der überraschte Shirov griff nicht zu dem kritischen 13...Sc5, sondern fällte, ähnlich wie Karjakin, mit 13...e5 eine praktische Entscheidung, die sich wie oben nicht auszahlen sollte. Details gibts hier:

Carlsen behält somit seine weiße Weste und liegt mit 2/2 in Front.

Spannend war auch die Partie Vachier-Morozevich. Ich lese ja gerade die Avrukh Grünfeld-Bücher, und nicht nur mir scheint aufgefallen zu sein, dass der Autor gegen das extrem gefährlich Lc4 System eine Nebenvariante mit 10...Dc7 und 11...b6 empfiehlt. Machte auf den ersten Blick einen sehr guten Eindruck. Zu dem gleichen Schluss scheint auch Morozevich gekommen zu sein, der den Aufbau gegen Vachier probierte, selbst ein großer Grünfeld-Spezialist. Und mir scheint, er deckte sogleich eine Lücke in dem vorgeschlagenen Repertoire auf:

Vachier-Morozevich, Stellung nach 14...Kxg7

Die kritische Stellung. Avrukh betrachtet hier nur das naheliegende 15.De3, nach 15...e5! ist bei Schwarz alles in Ordnung. Aber Vachier wartet mit der starken Neuerung 15.f4! auf. e5 wird erschwert, auf den ersten Blick gefällt mir die schwarze Sache nicht sonderlich. Morozevich jedenfalls wurde zunächst überspielt, aber der Franzose konnte den Sack nie zumachen und griff dann in schon nicht mehr klarer Lage dramatisch daneben:

Stellung nach 27...Dxe4

Schwarz ist aus dem Gröbsten raus, 28.fxg6 Txg6 29.Sg5+ Txg5 30.Dxg5 Tg8 sollte remis durch Dauerschach enden. Aber Weiß macht den zweiten Zuge vor dem ersten: 28.Sg5+?? fxg5 29.fxg6+ Ke8 und aus. Hat er übersehen, dass 30.g7 an Dd4+ scheitert? Oder wars einfach ein Fingerfehler? Ich weiß es nicht, so oder so eine sehr bittere Niederlage für Vachier.

Zum Abschluss gehen wir noch einmal kurz nach China.

Svidler-Sargissian, Stellung nach 41.Kg3

Sargissian griff zu 41...Tc2? und verlor chancenlos. Wie konnte er stattdessen seine Remischancen intakt halten?

43 Kommentare
lvapatzer
20.07.2011 07:58

Sehr witziger Beitrag.Besonders "Jan Delay".Der Tag kann beginnen.

Bardeleben
20.07.2011 08:43

Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag zur Bieldung.
Geht 41... Kh8 mit der Idee 42. Txg7 Tg8 ? Was anderes sehe ich jedenfalls nicht...

Maxx81
20.07.2011 08:45

Vielleicht Kh8 2. Txg7 Tg8

Mynona Zwo
20.07.2011 11:23

Es muss ja nicht immer ein WortsBIEL sein. Und es bleibt dafür ja auch noch Zeit bis zur BIELanz des Turniers.

Maxx81
20.07.2011 14:18

mein Beitrag war natürlich keine Antwort auf "was anderes sehe ich jedenfalls nicht" sondern ich war einfach nur zu lahm :)

spock
20.07.2011 16:18

mir ist kein wortspiel zu bielig.

lvapatzer
20.07.2011 16:40

Mal nicht BIELibig,sondern http://www.chesscafe.com/skittles/skittles.htm
MUST READ!

Matwejewitsch
20.07.2011 22:13

Also die Wortspiele hier sind mir entschieden zu deBiel.

Fachkraft
20.07.2011 23:33

Glück in Biel, Pech in der Liebe.

Matwejewitsch
21.07.2011 00:39

"Liebe Biel!" ist sogar ein Palindrom!

Gerhard
21.07.2011 07:21

@Matwejewitsch, ist leider kein Palindrom!

Bardeleben
21.07.2011 09:59

@Matwejewitsch: Das wäre ja auch des Guten zu biel.

Ok, vermutlich nervt es alle schon - deswegen noch ein anderer Punkt: Ich hatte mich gewundert - mit dem Grünfeld-Buch müsste Avrukh sich ja quasi in Teilen selbst widerlegen, hat er doch mit "1. d4" auch ein Weiß-Repertoire gegen Grünfeld aufgelegt. Und kaum schlage ich nach, lese ich: "Out of the entire two-volume repertoire, I would say that in many ways the present chapter has been the most difficult to write." Und später: "I cannot deny that in many lines Black obtains a solid and only slightly worse position." Gut möglich, dass Avrukh schon da lieber für die schwarze Seite geschrieben hätte. Würde mich wirklich interessieren, was er gegen sein eigenes Repertoire empfiehlt...

Peter B.
21.07.2011 12:57

Einer geht noch:

Unser Blogchef verbessert die BIELateralen Beziehungen zwischen Baden-Baden und dem HSK: Netter Bericht vom St.Pauli-Open und Auflösung des zweiten Siegs bei einem Blitzturnier:
http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=11922

CarriedbyGg
21.07.2011 12:57

Oh Oh, im Politiken Cup in Dänemark wird's nicht einfach für dich. Henrik Danielsen und Jonny Hector spielen mit, und die ham schon was aufm Kasten.

Südschachfreund
21.07.2011 14:50

@ Jan: das verstehe ich nicht: " Den prinzipiellen Zug spielen und riskieren, ohne zu verlieren oder eine schlechtere Stellung in Kauf nehmen". Was soll das heißen? Wenn ich etwas riskiere und verliere nicht, ist es doch allemal besser als eine schlechtere Stellung zu haben. Oder ist damit die Einschätzung der langen Variante mit " remis oder verloren" gemeint? Aber auch mit Minusbauern riskiere ich was bzw. habe ich ein hohes Verlustrisiko in der konkreten Stellung.

patzerle
21.07.2011 17:03

@ südschachfreund
ja wie soll er es denn sonst meinen? natürlich geht es darum sich entweder auf die lange taktische Variante einzulassen, die Aronian zu Hause mit Comp vorbereitet hat und bei der der schwarze König in vielen Varianten mitten im Zentrum steht, was eben alles andere als einladend ist - oder eben man spielt Lb7 und gibt den Bauern auf.
Forciert verloren war die schwarze Stellung nicht nach Lb7 und es war vermutlich unter praktischen Gesichtspunkten die richtige Entscheidung selbst wenn Sxb3 (vermutlich!) forciert remis ist, aber eben erst nach sehr langen und sehr gefählichen Varianten in denen er sehr wahrscheinlich nicht immer die beste Forsetzung gefunden hätte.

btw. Rustam Kasimdzhanov scheint eifgriger Leser dieses blogs zu sein, denn immerhin hat er meine Idee die ich vor einigen Wochen hier gegen die Remisseuche vorgestellt habe aufgegriffen - siehe sein offener Brief :-)

und der Herr Meier hat seine Einladung nach Dortmund mit einer überzeugenden Kampfpartie in der ersten Runde vollauf gerechtfertigt. Ich habe schon lange keine spannendere Partie mehr verfolgt ;-)

Südschachfreund
21.07.2011 17:16

@ patzerle: den Vorschlag Kasimdzhanovs finde ich gelinde gesagt Blödsinn. Wenn kein Spieler einen Fehler macht, ist das logische Ergebnis einer Schachpartie remis. Abgesehen davon ist von Remissspielerei weit und breit nichts zu sehen. Weder in Dortmund noch in Mediasch oder Biel ist von Remisgeschiebe geprägt (gut, ist in Dortmund auch nicht möglich).

patzerle
21.07.2011 17:32

die Idee mit vertauschten Farben und weniger Bedenkzeit so lange zu spielen bis ein Sieger feststeht ist wie gesagt meine, bzw. ich hatte sie auch schon und bin daher auch ein Freund von Rustams Idee :-)

Natürlich ist es eine radikale Idee, aber vielleicht braucht es sowas im Schach einfach mal?!
Immerhin haben wir nicht mehr 1890 sondern eben 2011 wo alle Welt sich RSS feeds auf s handy lädt und niemand mehr ein Buch liest und nicht erst seit Gestern gibt es Sponsorenprobleme im Schach...

Und in Dortmund konnte man doch heute genau den Fall sehen den keiner haben will - trotz Remisverbotsregel!
Meier spielt eine lange, forcierte Remisvariante mit Weiß, Le zeigt sich perfekt vorbereitet und spult alle Züge im Blitztempo ab und während Kramnik- Ponomariov noch bei Zug 14 und in der Eröffnung sind, sind beide schon im totremisen Turmendspie bei Zug 40l. - Hier nach ner kurzen Pause eben Schnellschach mit vertauschten Farben zu spielen wäre schon fürs zahlende Publikum geboten und es wäre auch eine Strafe für den Weißen eine so ambitionslose Partie zu spielen...

Südschachfreund
21.07.2011 17:51

Also bei aller Sympathie für Kampfpartien - aber das Spielen einer Schachpartie müssen wir schon noch den Spielern selbst überlassen. Wenn man eine solche Regel einführt, pervertiert man das Schachspiel, indem man es seiner Wurzeln beraubt. Remis ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Schachpartie, und Spieler für solch gute Vorbereitung zu bestrafen, ist einfach nur zynisch. Man kann auch lange taktische Varianten vorbereiten, wenn man so gut ist, und dann soll man die Spieler auch dafür bestrafen? Solche Regeln sind eine Lachnummer und keine, die irgendwie dem Schachspiel helfen. Abgesehen davon kommen in Dortmund die Zuschauer heute mit Kramnik-Ponomariov und Giri-Nakamura ohnehin spannende Partien präsentiert, so what? Und wir werden sicher noch weitere die nächsten Runden sehen.

Südschachfreund
21.07.2011 20:26

Des war eine Partie von Kramnik heute - kurios fand ich den Turm auf a7, der kein Feld mehr hatte. Starker Auftakt von Kramnik, im Gegensatz zu letztem Jahr.

ebi
21.07.2011 21:58

Und nun der geistige Höhepunkt:
Bield Dir Deine Meinung!

ja, es schmerzt - fast schon eine Buchstabenvergewaltigung.

Limerick
21.07.2011 22:23

Die Wortspiele hier rund um Biel,
sie werden mir langsam zu viel,
doch muss ich auch sagen
- drum stopp ich mein Klagen -
so einige haben auch Stil.

Gerhard
21.07.2011 22:37

@Südschachfreund, ja das war eine Dominanzpartie Kramniks - wie in alten Zeiten!
Wie sagte offenbar Shipov" Kramnik is especially strong with two pawns up".

Erstaunlich für mich auch Nakamuras Leistung, diese "positionelle Ruine" zu halten. Ich dachte mir schon, daß er genug Finden findet, um mit solch einer Stellung zu überleben. Für Giri war das vermutlich sehr lehrreich.

Südschachfreund
21.07.2011 22:45

@ Gerhard: Mich würde eigentlich mehr interessieren, wo Ponomariov den entscheidenden Fehler gemacht hat. Auf der Turnierseite erfährt man " nur " die technische Verwertung. War es das unvorsichtige Vorziehen der Dameflügelbauern, in Zug 17 und 18, oder schon etwas eher der Vorstoß des h-Bauern im 14.Zug? Nach dem Quallenopfer bin ich pessimistisch, was die schwarze Stellung anbelangt.

Gerhard
21.07.2011 23:45

@Südschachfreund, ich bin erst nach der Arbeit, um 18:00 eingestiegen.
Jetzt beim Nachspielen fehlt es schwer, ein Urteil zu fällen. Bei 28 Tc1 kam ich "hinzu" und da sah es weitgehend geklärt aus. Dennoch: Die Schlußhase war merkwürdig chancenlos für Pono. Ich würde sagen, Kramnik needs only half of a pawn...
Muß das alles nochmal inspizieren, es ist deftig kompliziert.

patzerle
22.07.2011 10:30

Quiz: welcher Teilnehmer aus Dortmund hat das beste outfit? ;-)
http://www.chessvibes.com/plaatjes/dortmund11/players.jpg

zu der Partie von Kramnik, ich habe sie bisher ohne jede Enginebewertung geguckt und werde es auch dabei belassen. mein Eindruck war der, dass Ponomariov sich auf die Idee Lc4 verlassen hat und Kramnik hier weitergerechnet hat und eben gesehen hat, dass er mit seinen Leichtfiguren so extrem aktiv wird, dass er die Qualle immer zurückgewinnen kann und die (deutlich?) bessere Stellung behält.
Von daher ist vielleicht in der Tat schon die frühe Partieanlage von Schwarz zu kritisieren, denn wenn Lc4 nicht wirklich geht steht er nach c5! ziemlich bescheiden...
Wie auch immer, eine fantastische Partie von Kramnik, das war Schach vom allerfeinsten

Gerhard
22.07.2011 11:17

@Patzerle und @Südschachfreund:
Ich schau mir das auch ohne Engine an.
Tja, es wird immer auf die Möglichkeit Se4: hingewiesen.
Ich finde im Nachhinein die Pono-Partieanlage gelungen. Se4: hätte eine Wende bedeuten können.
Die Dame stand auf e1 nicht zum Besten.
Nach der Idee ...Lc4 von Pono allerdings hat Kramnik richtig reagiert und nichts mehr ausgelassen.

Ich frage mich, wie man mit Weiß gegen einen solchen Aufbau spielt. Irgendwie machte das für Schwarz einen guten Eindruck.

FrankfurterBub
22.07.2011 12:04

Die Idee mit remis = schnellere Partie hinterher halte ich für ausgesprochen schlecht.
Was mich betrifft, so habe ich 1800 DWZ im Langzeitschach, falle aber immer weiter ab, je kürzer die Bedenkzeit wird.
Und sahen wir nicht erst von Grischuk mehr als genug langweilige Weißlangzeitpartien, weil er schnellstmöglich in den Schnellschachmodus wechseln wollte?
Blutleer klammern und dann ab in die Schnellpartie würde mit dem Modus eine neue beliebte Variante im Langzeitschach.

Matwejewitsch
22.07.2011 13:41

@ FrankfurterBub: Das sehe ich genau so, letzten Endes wurde ja ein ähnlicher Modus beim Kandidatenmatch gespielt! Und das war eigentlich das extremste Turnier in letzter Zeit in punkto Kurzremisen...
Wenn überhaupt halte ich eine wesentlich radikalere Idee für interessanter: Die komplette Abschaffung des Remis. D.h. man verliert eine Partie dann, wenn man einen Zug ausführt, bei dem nach herkömmlichen Regeln ein Remis entstehen würde. Das würde z.B. dazu führen, dass alle K+B vs. K Stellungen mit jemandem am Zug gewonnen sind (man zieht einfach zur Dame ein und kann auch mit dieser alleine "matt" setzen). ich finde, dass man mit dieser Idee ähnlich experimentieren könnte wie mit Chess 960. Und sollte Spitzenschach wirklich mal den "Remistod" sterben (für so groß halte ich die Gefahr nicht, siehe Computer-WMs), wäre das eine interessante Alternatlve.

uvo
22.07.2011 14:44

@Matwejewitsch: Daß K+B gegen K mit deiner Variante immer gewinnt, ist korrekt, allerdings liegt das nicht daran, daß die Dame allein "matt" setzen kann. Wenn du an Stellungen denkst wie beispielsweise sKa8, wDb7: Vorsicht, nach Ausführung von Db7+ ist (nach derzeitigen Regeln) die Partie bereits beendet! Das bedeutet, daß mit deinem Vorschlag Db7+ die Partie bereits verliert - und das kann ja irgendwie nicht der Plan sein ;-)

Auch unabhängig von solchen (behebbaren) Details halte ich deinen Vorschlag für wenig durchdacht. Nimm doch zum Beispiel mal das Endspiel K+D gegen K+D. Mit deinem Vorschlag kann erstens kein Spieler den Damentausch anbieten und zweitens kein Spieler Remis nach 50-Züge-Regel reklamieren. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Matwejewitsch
22.07.2011 16:29

@uvo: "allerdings liegt das nicht daran, daß die Dame allein "matt" setzen kann." Das habe ich so auch nicht gemeint. Hätte sagen sollen: "dass alle K+B vs. K Stellungen mit jemandem am Zug gewonnen sind (man zieht einfach zur Dame ein) und kann auch mit der Dame alleine einen König "matt" setzen."

Wie auch immer: Dass Db7+ in der von dir beschriebenen Stellung die Partie schon beendet, war mir völlig neu! Ich verstehe, dass du meinst, dass die Stellung Remis ist, weil danach keine mögliche Zugfolge mehr zum Matt führen kann... Ist das wirklich die offizielle Interpretation? Das würde dann ja auch z.B. in einer Stellung wie Kg1,h5,g6,f2,sDa8,g7,h6,Kh8 mit dem schwarzen Zug Dh1+ gelten. In der Praxis wird aber Kh1: wohl immer ausgeführt werden und auch in der Datenbank so erscheinen. Überhaupt lassen sich bestimmt witzige Stellungen basteln, in denen eine Reihe einziger legaler Züge am Ende zu Patt oder Zugwiederholung führt... Auch da wäre dann die Partie also eigentlich schon beendet?

Zu dem Damenendspiel: Ich denke, dass derjenige, der am Zug ist. bestimmt meist erzwingen kann, dass entweder 3-mal die Stellung wiederholt wird, oder er die gegnerische Dame schlagen kann. Das mit den 50-Zügen wäre im übrigen so geregelt: Wer den 100. Halbzug ausführt, der kein Bauern- oder Schlagzug ist, hat verloren. Meiner Meinung nach folgt das auch aus den oben beschriebenen Regeln, aber es kann sein, dass ich wie oben eine Spitzfindigkeit der geltenden Regeln übersehe ;).

Matwejewitsch
22.07.2011 16:31

Edit: In der Stellung oben fehlt noch wDf7

Bardeleben
22.07.2011 17:49

Die Partie von Carlsen heute hat mich mit offenem Mund stehen gelassen. Viele werden vermutlich sagen, dass es naheliegend war, die Qualle zu geben, gerade angesichts von Caruanas Zeitnot und dass dieser bei korrektem Spiel trotzdem mindestens hätte ausgleichen müssen. Was ich viel bemerkenswerter finde, ist dass dieser Junge in scheinbar (fast) jeder noch so halbtoten Stellung eine zweischneidige Idee findet und außerdem das psychologische Spiel auch perfekt beherrscht. Umso trauriger finde ich es, dass er sich nicht auf die Kandidatenkämpfe eingelassen hat, ein Match Carlson-Anand wäre ein Traum...

Südschachfreund
22.07.2011 19:09

Sieht so aus, als ob Kramnik und Carlsen beschlossen hätten, in Dortmund und Biel kräftig aufs Elo-Gas zu drücken und Kramnik zudem beschlossen hat, Carlsen zu kopieren.

patzerle
22.07.2011 19:20

@ Bardeleben
Aronian war haushoch favorisiert bei der WM und ist in Runde 1 gescheitert und auch ein Kramnik, der derzeit in Spiellaune ist und in Dortmund brilliert ist bei der WM in Runde1 erst durch das unfassbare Uhrenglück weitergekommen und dann gescheitert...
Aus dieser Perspektive muss man auch von einem Carlsen sagen, dass seine Chancen das Turnier nicht zu gewinnen vermutlich sehr hoch waren und es also in gewisser Weise eine Lotterie war, bei der er viel verlieren kann, insbesondere sein Image, das bei vielen Fans ja schon fast Bobby Fischer Dimensionen angenommen hat.
Er wird so oder so um den WM Titel spielen, ob ein Jahr früher oder später, und dann bis dahin eine weiße Weste zu behalten und den Markwert durch Turniersiege und eine Elozahl in Regionen in denen nur Kasparov zu besten Zeiten war zu steigern ist einfach verdammt clever finde ich.

wurschtler
22.07.2011 19:45

also ich persönlich finde, man soll im Schach nichts ändern, an den Partien von Carlsen zum Beispiel, erkennt man, dass wenn jemand einfach viel vom spiel versteht, noch lange kein Remis Tod unseres Spieles erreicht ist. Natürlich wird es in der Weltspitze, und nicht nur dort, immer wieder scheinbar langweilige Partien geben, in wahrheit haben oftmals die Spieler einfach extremen Respekt untereinander, oder es geht einfach um extrem viel Geld, weshalb natürlich auch kein Spieler extrem hohes Risiko eingehen möchte - aber die guten Spieler, eben wie Carlsen oder auch Kramnik gestern und heute, werden immer möglichkeiten finden, ebenso bin ich mir das bei Giri in der Zukunft sicher

Südschachfreund
22.07.2011 19:49

Das Carlsen so erfolgreich ist in Biel, liegt aber m.E. nach auch daran, dass in Biel von der absoluten Weltspitze nur er anwesend ist, und ansonsten nur erweiterte Weltspitze, Caruana hat als zweitbester Elo-Spieler Platz 26 in der Live-Weltrangliste inne. Insofern wäre hier alles andere als eine klare Dominanz Carlsens eine Überraschung.

Matwejewitsch
22.07.2011 20:14

@ wurschtler: Meine Rede, Schach hat noch viel zu bieten, egal auf welchem Niveau. Trotzdem finde ich es interessant, über Konsequenzen von möglichen Regeländerungen nachzudenken und sich Gedanken zu machen, welche geeignet wäre, sollte der Remis-/oder Vorbereitungstod doch einmal eintreten. Im Moment sehe ich da aber auch keinen besonders dringenden Handlungsbedarf...

@Südschachfreund: Also wäre schon eine nicht ganz so klare Dominanz eine Überraschung ;) ? Wie auch immer: Bisher hat er 3,5/4 und stand auch beim Remis gegen Moro klar besser (mit Schwarz!), das ist schon sehr beeindruckend, viel überzeugender könnte auch Rybka nicht auftreten.
Im übrigen hat Carlsen im letzten Jahr gegen viele Spieler < 2700 verloren. Wenn er das abstellt (er war schon seit mindestens 13 Partien in Folge nicht in Verlustgefahr), könnte er bald Fischerergebnisse erzielen... Aber gut, erst einmal Biel gewinnen. Schon Vachier morgen mit schwarz wird bestimmt nicht so leicht!

Südschachfreund
22.07.2011 20:19

@ Matwejewitsch: würde ihm bestimmt negativ ausgelegt... Und außerdem hat er mit Bilbao, Nanjing, Moskau und London noch genug Gelegenheiten, eine oder mehrere Partien zu verlieren. Insbesondere in Bilbao ist die Verlustgefahr wahrscheinlich sehr hoch.

Umumba
22.07.2011 22:33

@Südschachfreund: Einfach mal bei Wikipedia nach "Tote Stellung" suchen. Es gab dazu mal einen sehr interessanten Artikel des verstorbenen Wilhelm Schlemermeyer, aber seine Homepage ist anscheinend nicht mehr online. Jedenfalls wurde auch darauf eingegangen, dass die Nicht-Beachtung dieser Regel durchaus auch praktische Auswirkungen haben kann, nämlich wenn die Zeit eines Spielers fällt, obwohl nach den FIDE-Regeln bereits Remis durch tote Stellung ist.

Dem Kasimdzhanov-Vorschlag kann ich durchaus etwas abgewinnen, sein Hinweis auf andere Sportarten wie Tennis ist ja durchaus nicht ganz unberechtigt - auch dort können zwei Spieler gleich stark sein, aber dann entscheidet eben der Tiebreak. Natürlich würde ein solches Vorgehen aber zu weniger Überraschungen führen, da die meisten Remisen zwischen einem stärkeren und einem schwächeren Spieler dann zugunsten des stärkeren ausgehen würden. Damit würde man ein anderes Problem des Schachs (das gerade z.B. in der Bundesliga regelmäßig deutlich wird) weiter befördern: Die Ergebnisse sind zu leicht vorhersagbar und ein Favoritensturz zu selten.

Bardeleben
22.07.2011 23:51

@Umumba: Gerade den Tennis-Vergleich fand ich ziemlichen Käse. Der Sport (so wie die meisten anderen Sportarten auch) ist sicher nicht wegen seines Punkte-Systems attraktiver, sondern weil man nicht selbst Vereinsspieler sein muss, um zu verstehen, was auf dem Platz passiert. Zudem dauern Spiele in der Regel nicht drei bis fünf Stunden, die Spieler/innen sind in der Regel recht attraktiv anzuschauen und jeder kann sehen, dass die Sportler etwas können, das außergewöhnlich ist - beim Schach gehört sehr viel Wissen dazu, um zu verstehen, dass ein Kramnik seine Steine nicht einfach hin- und herschiebt wie jeder andere auch. Kurz gesagt: Schach könnte nur dort ein Publikumssport werden, wo es genug Menschen gibt, die ein gewisses Verständnis davon mitbringen. Vielleicht war das mal in der Sowjetunion der Fall, wo wirklich breit angelegt Schachförderung betrieben wurde. An den Spielmodi herumzudoktern, bis am Ende eine Art Roulette daraus wird und die Tiefe verloren geht, die Schach ja gerade ausmacht, ist sicherlich der falsche Weg. Geschichten wie Schachboxen oder Blitzweltmeisterschaften haben ja ihre Berechtigung, aber man sollte so etwas als das sehen, was es ist - spaßige Nebenvarianten, die aber wenig darüber aussagen, wer am besten Schach spielt und die mit Sicherheit nicht das beste Schach hervorbringen, das Menschen in der Lage sind, zu spielen.
Die Instrumente (Sofia-Regeln; Schummel-Prävention) um Turnierschach attraktiver zu gestalten, sind da, man muss sie nur konsequent umsetzen. In Turnieren mit solchen Vorkehrungen habe ich jedenfalls in letzter Zeit als Zuschauer kaum Grund zur Klage gehabt.

Matwejewitsch
23.07.2011 00:03

@Umumba: Der Tie-break beim Tennis ist eben aber nicht mit Kasims Vorschlag vergleichbar, weil ja beim Tennis nicht eine ganz neue Partie mit anderen Regeln begonnen wird. Eher ist das ganze vielleicht mit Elfmeterschießen vergleichbar, was aber aus gutem Grund in den normalen Ligen auch nicht eingesetzt wird...

Übrigens würde ich gerne mal eine Umfrage zu der toten Stellung unter Schachtitelträgern sehen :), ich wette, dass die wenigsten das wissen. Mir fällt auch mindestens eine Partie ein, in der bei mir noch ein Zug gespielt wurde (und auch in der Datenbank zu finden ist), der eigentlich nie hätte gespielt werden dürfen...

erna kloth
21.01.2012 10:16

Tote Hose betrifft eher party Betriebsanalysen
Tote Stellung meint wohl: keine Aussicht auf Bewegung sowohl im Go wie im Schach
Totes Auge ist das Spiel von Stadtoldendorf Solling mit Hölzern und Geld
Konventionen sind dabei wichtig siehe Ma Jong
Bei zwei Anfängern im Tennis kommt es zum tie break, beide wissen nicht den Ablauf. Das kann auch
lustig werden.
Vielleicht ist dieser Kommentar wie 100m Landstraße in Brandenburg oder bei Zwickau


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