Jans Kolumne

Gashimov und Vallejo siegen in Reggio Emilia

Vugar Gashimov kam mit dem in Italien getesteten Modell "DGT Sanduhr" am besten zurecht

Willkommen zurück!

Ich war die letzten Tage einfach zu beschäftigt, etwas zu schreiben. Im Bestreben, meine Allgemeinbildung zu verbessern, habe ich die komplette Kamelopedia durchgearbeitet!

Es hat sich gelohnt, so bin ich zum Beispiel endlich dem Ursprung des Schachspiels auf die Schliche gekommen:

" Der Begriff Schach wurzelt im 17.Jahrhundert, als die Menschen oft Scharlach hatten. Scharlach war damals so hip, dass sogar völlig gesunde Menschen vorgaben, welchen zu haben. Scharlach spielen wurde zu einem Massenphänomen. Die Spielregeln änderten sich im Laufe der Zeit und das "arl" wurde irgendwann von der "Akademie für Raumforschung und Landesplanung" dringend benötigt, so entstand das heutige Schach".

Hätten Sie's gewusst?

Schach gespielt wurde die Tage auch, beim Turnier in Reggio Emilia konnte Vugar Gashimov mit 6/9 den Sieg davontragen, vor dem punktgleichen Vallejo. Die gestrige letzte Runde änderte nichts mehr am Gesamtstand, die beiden Führenden konnten mit den schwarzen Steinen schnell ausgleichen und remisierten. Entscheidende Bedeutung für den Endstand hatte daher das Geschehen in Runde 8.

Vallejo konnte mit einem schönen und schnellen Sieg gegen Onischuk vorlegen:

 

Gashimov hatte es gegen den stark aufspielenden Navara schwerer und stand mit dem Rücken zur Wand. Wie es dazu kam und sein wundersames Comeback nach der Zeitkontrolle lassen sich hier bewundern:

Mit Co-Sieger Paco Vallejo führte ich vor wenigen Stunden folgendes exklusive Interview:

Ich: Paco, herzlichen Glückwunsch zu deinem starken Resultat! Wie groß ist die Freude? (Die Frage "Wie groß ist die -beliebige Emotion-" habe ich beim Fußballgucken gelernt, scheint man so zu machen)

Paco: Danke, alles gut. Gegen Gashimov habe ich die Partie einzügig eingestellt, das musste nicht sein. Das übliche, Se3 a tempo gemacht und sofort danach gesehen, dass es verliert. Meh.


Er spricht von folgender Stellung:

Vallejo - Gashimov

Stellung nach 45...Kb5

Es geschah 46.Se3?, nach Lc5! nebst Lxe3 war das Turmendspiel nicht zu halten, 0-1 (57). Leicht remisierte stattdessen 46.Sb2!, was den gegnerischen König nicht zu nahe kommen lässt. 

Ich: Aber im Großen und Ganzen bist du mit deinem Spiel zufrieden?

Paco: Klar, mit Schwarz wollte ich solide spielen, Französisch hatte ich ganz gut vorbereitet, das hat geklappt. Und gegen Short und Onischuk habe ich zwei schöne Partien gewonnen.

Ich: Was hast du in Reggio Emilia gegen die Langeweile getan? Ich hab da vor zwei Jahren auch mal gespielt, viel los ist da nicht, oder?

Paco: Stimmt schon, aber ich habe mir vor dem Turnier ein Amazon Kindle angeschafft und viel Zeit mit lesen verbracht. War sehr entspannt alles. Außerdem hat Short mitgespielt, mit dem es immer viel zu lachen gibt.

Ich: Hmm, lesen klingt schlau. Vielen Dank für das Gespräch, Glückwunsch nochmal und bis danzig! (Frei übersetzt aus dem Spanischen, da sagt man "hasta la pasta")

Paco: Chau! (ja, die schreiben das so, aber die nennen Spiderman auch el hombre aranya und U2 U dos. Die spinnen, die Spanier!)

Ich bin draußen wie Mutter Natur.

15 Kommentare
Freddie
07.01.2011 12:14

Von deinem verständig verständlicher schwirrt mir jetzt noch der Kopf!
Sind ja beides Spieler für deren Leistung du gerne mal wirbst, weil du sie für unterschätzt hälst.
Glückwunsch an Vallejo Pons und Gashimov.

falconeyey
07.01.2011 13:21

Tja, hätte Onischuk deine DVD angeschaut, hätte er einen besseren Zug als Lb7 im Schotten gespielt. ;-)
Bin selber mittlerweile beim Königsgambit angelangt. Hoffentlich spielt es jetzt auch bald jemand gegen mich, bevor alles wieder vergessen ist :-)

Thomas Oliver
07.01.2011 14:37

Spricht Paco Vallejo eigentlich Deutsch? Wenn nicht, was ist "Meh" auf Englisch oder Spanisch? ,:)

Gerhard
07.01.2011 16:26

Pigeon english: "What shalls.."

Marcus
07.01.2011 19:00

"Meh" heisst übersetzt: "Was für eine entäuschende Sch....."!!! Verständlich dieser Kraftausdruck nach seinem ingesamt starkem Spiel! Se3 sieht ja auch auf den ersten Blick aktiver und ok aus.
Danke Jan, für die "schöne Geschichte" mit Scharlach! Passt ja auch mit Deiner Aussage in der Talk Show: "man muss schon ein komisches Kind sein um sich für Schach zu interesieren". Jetzt ist gelöst was mit "komisch" gemeint war! Krank muss man(n) sein, Scharlach haben eben!! Sind wir nicht alle ein bisschen Scharlach? :-)

Thomas Oliver
07.01.2011 22:14

Zu Gashimov-Navara: Aus der Liveübertragung war nicht ganz klar ob Schwarz vielleicht die Zeit überschritten hat. Auf Chessbomb herrschte einige Zeit Verwirrung weil Stockfish (in geringer Suchtiefe) 54.Tf3 als groben Fehler bezeichnete, aber dem ist nicht so: 54.Tf3 Tc8 55.Tb5: (das geht) c3 56.Tc5 Tc5: 57.bc5: c2 58.Tc3 c1D 59.Tc1: Lc1: 60.c6 und c7-c8 ist nicht zu stoppen.
Aufgabe wäre also schon nachvollziehbar, oder bietet 54.-Td8!? 55.Tb5: Td3 56.Kg2 Tb3!? noch Chancen?

eyes wide shut
07.01.2011 22:54

Estoy (oder soy?) afuera como la madre naturaleza

I am out like mother nature

Hmpf... ist mir beides noch nicht untergekommen...

hanjie
08.01.2011 17:56

Auf Sb2 kommt man aber ja auch nicht so ohne Weiteres. Immerhin kann Schwarz dann mit Lf6 / Ta3 den Bc3 unter Beschuss nehmen, und wenn der Bauer zieht, ist doch der Weg für den König frei.
Trivial remis ist auch das, denke ich, nicht ...

War aber ein klasse Turnier! So langsam wird's schwierig zu behaupten, dass eine "Remisseuche" einkehren könnte "dank" der Computer.

Tiger-Oli
08.01.2011 18:20

Moinmoin,

falls das schöne Interview doch auf Englisch geführt wurde, hieß es im Original vielleicht "baa" statt "Meh".
Klingt ja auch ganz nett: "I noticed at once that it was losing, baa."

Die endgültige Wahrheit liegt aber wie immer beim Großmeister selber - denn nur er war beim Interview live dabei (als Ohrenzeuge!).

Moinmoin

Tiger-Oli

RainPiper
08.01.2011 22:07

Für Leute, die ähnliche Simpsons-Analphabeten sind wie ich:

http://www.youtube.com/watch?v=LCcZqcPOlNM

Halma
08.01.2011 23:44

Zu der Partieanalyse Gaschimow-Navara:
> 36. Nxg7! war zäher 36... Qg3!

36. Sxg7 ist sogar so zäh, dass auch 36... Dg3 nicht gewinnt, wenn Weiß 37. Kf1! antwortet:
a) 37... Kxg7 38. Df2 Dxf2+ 39. Kxf2 Sd5/h5/g6 40. Txb5
b) 37... Txe3 38. Txe3 Dxe3 39. Sf5 Sd5 40. Txb5 Df4+ 41. Df2 Dxf5 42. Txd5
c) 37... Dh2 38. Lxf4 Dxf4+ 39. Df2 Dxf2+ 40. Kxf2 Kxg7 41. Txb5

Jan
09.01.2011 05:24

about meh:

Meh ist englisch! Danke an RainPiper für den Simpsons-Nachweis, hier die instruktive Szene:

Homer: Kids, how would you like to go... to Blockoland!
Bart & Lisa: Meh.
Homer: But the TV. gave the impression that--
Bart: We said "meh".
Lisa: M-E-H. Meh.

Ich verwende meh häufig negativer als es meist eingesetzt wird, eingentlich ist es nur eine Art verbales Schulterzucken, ich kenn kein besseres Wort. Ein meh-Film ist ein Film den man gucken kann, aber nicht muss, keine Katastrophe.

Mit Paco rede ich spanisch, das "Interview" ist sehr frei aus unserem Gespräch und MSN-Gelaber an dem Abend zusammengeschrieben. "Ich bin draußen wie Mutter Natur" waren meine weisen Schlussworte unter den Post, immer "stay tuned" oder so was zu schreiben wurde langweilig.

@hanjie: Doch, Sb2 ist ziemlich glatt remis, z.B. Ta3 Kd3 Lf6 Sd1 nebst Kc2

@Halma: Yo, war mir nicht sicher ob Sxg7 hält, sieht so aus!

@Thomas Oliver: Schlussstellung ist schon verloren, nur aufgabereif sahs mir halt noch nicht aus.

hanjie
09.01.2011 11:21

@Jan: Ja, ist mir jetzt auch bewusst geworden, Zugzwangmotive gibt's hier ja gar nicht ... selbst wenn Schwarz zu Kc4 kommt, wirft Sb2+ bei weißem Kc2 den König ja sofort wieder raus.

Menno. Nee: Meh.

;)

Thomas Oliver
09.01.2011 11:40

@hanjie: Jan ist mir zuvorgekommen - interessant und nachvollziehbar dass auch ein starker GM so eine völlig passive Fortsetzung nicht wählt, vielleicht gar nicht erwogen hat. Hier musste es aber sein ... .

@Jan betrifft Gashimov-Navara: Ja, auch wenn er nichts besseres gesehen hat hätte Navara sich (und den Zuschauern) 54.-Tc8 usw. noch zeigen lassen können, vielleicht war's ja tatsächlich Zeitüberschreitung? Chessbase (wer kommentierte da eigentlich?) schreibt nur "54.Rf3. Protecting against Rg3 and ending any hopes for Black."

Südschachfreund
16.02.2011 20:13

Zu Onischuks: 8... Lb7: Das wurde im Buch "Das Schachspiel" (1931) (Die Originalfassung) von Dr. Siegbert Tarrasch an dieser Stelle empfohlen und mit einem ! versehen. Dr. Tarrasch setzte die Variante fort mit: " 9.Sd2-b3 0-0-0! 10.c2-c4 Sd5-b6 11. Lc1-d2 Td8-e8 12.f2-f4 f7-f6; und bewertete sie mit: "Schwarz steht im Zentrum überlegen."

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