Jans Kolumne

Der letzte Schrei

Kramnik-Grischuk, Stellung vor 51...Txa4!

Manchmal wird mir ja neben Inaktivität auch vorgeworfen, mich in meinen Einträgen nicht genug auf das Kernthema dieser Seite zu konzentrieren. Ok, eigentlich werf ichs mir hauptsächlich selber vor. Diesen Fehler wird es heute nicht geben, aber ihr versteht sicher, dass es seine Zeit braucht, das aktuelle Geschehen zu kommentieren. 

Es gilt, Vorgänger zu sichten, zu entscheiden, was gut war, was schlecht war, zu überlegen, wie die neuen Werke die Theorie vorangebracht haben und so weiter und so fort. Aber jetzt bin ich bereit.

Scream 1-3 geguckt, die Karrieren von Regisseur Wes Craven und Drehbuchautor Kevin Williamson studiert, dem Review des schon am Dienstag geguckten Scream 4 steht nichts mehr im Wege.

Seit dem Meilenstein Scream 1 aus dem Jahre 1996 und der daraus resultierenden Flut an ähnlichen Filmen Ende der 90er ist im "komischer Killer schlitzt Leute auf" Genre nicht viel Neues passiert, auch Scream 3 ist schon zehn Jahre alt.

Wes Craven meldet sich nun also mit Scream 4 zurück. Er ist ein sehr sehr alter Mann und trug in den 70ern maßgeblich zur Geburt des modernen Horrorfilms bei. Frühwerke wie "The last House on the Left" (1972) und besonders "The Hills have Eyes" (1977) haben neben Romeros "The Night of the Living Dead"(1968 und Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre"(1974) längst Kultstatus erreicht und sind alle mit so mittel-hoch-tiefen Remakes gewürdigt worden.

Alles nicht so mein Ding, die ganzen Filme sind nicht besonders lustig, zornig und teils n bisschen eklig.

Aber sie ebneten den Weg für die komischere, aber extrem sinnfreie Welle von Slasher-Filmen in den 80ern wie dieses Meisterwerk:

Wes Craven bescherte uns unterdessen Freddy Krueger, aber auch einige meh-Filme wie "Vampire in Brooklyn". Alter Lachs, Eddie Murphy!

Womit wir im nächsten Jahrzent und bei Scream angekommen wären. Der Film um "Opfer"Sidney Prescott, Dorfpolizist Dewey und die rasende Reporterin Gale, die im verschlafenen Woodsboro vom trotteligen Ghostface Killer gejagt werden, war eine (R)evolution. Kein Zorn mehr, dafür lustige Dialoge und eine clevere Detektivstory, wer steckt hinter der Maske? Zwischendurch werden ordentlich Teenies gekillt, aber wegen haufenweise Komik und Ironie gelang es, das Genre in den Mainstream zu hieven. 

Ein Verdienst von Schreiberling Kevin Williamson, der die Welle mit "The Faculty" (lustig), "Tötet Mrs. Tingle" (auch lustig), "Scream 2" (joa) und "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" (meh) kräftig weiterritt.

In unserem Jahrtausend wurde es dann zunehmend stiller, würde es Scream 4 gelingen, das Genre voranzubringen?

Sidney muss mal wieder sehr stark sein...

Nö, aber der Film macht trotzdem Spaß. Es geht zurück nach Woodsboro, Sidney hat ein Buch geschrieben und ist nicht mehr ganz so traumatisiert, Dewey und Gale sind verheiratet und langweilen sich. Da kommt es gerade recht, dass Ghostface auch wieder am Start ist und sich schnell seinem Kerngeschäft Teenager killen zuwendet. Gibt auch genug neue Youngster, Sidneys Cousine Jill ist ihr Abziehbild, überhaupt werden für sämtliche alten Figuren sorgsam junge Kopien eingeführt. Am besten gefallen hat mir Klitschko-Freundin Hayden Panettiere (die aus Heroes, "Save the cheerleader, save the world" ).

Wer nun aber denkt, die Coolen von der Schule würden die Hauptrollen übernehmen, wird schnell eines besseren belehrt. Die Alten haben die Hosen an und sind diejenigen, die sich vernünftig gegen den Killer zu wehren wissen.

Da passt es auch ins Bild, dass der Film für Twitter, Facebook, webcams etc. nur Spott übrig hat. Statt sie zu nutzen, die Reihe voranzubringen, spielen sie nur bei den Film- in -Film "Stab" Szenen eine Rolle, ansonsten bleibt alles, wie es war, kommuniziert wird per Telefon.

Williamson zelebriert konsequent sein "Don't fuck with the original", Scream 1 wird ausgiebig zitiert, und wenn wir uns die Handlung näher angucken, passiert auch ziemlich genau das Gleiche wie damals.

Zum Glück war Scream 1 aber eben ein klasse Film, und das Ganze macht auch 15 Jahre später noch jede Menge Spaß. Absolut nix Neues, eher son leichter "früher war alles besser" Touch, aber es funktioniert. Die Dialoge rocken, die Handlung geht voran, ist aber nicht hektisch, der Killer wär immer noch Favorit auf die Goldmedaille im Gehen, geht er doch schneller als jedes Opfer laufen kann.

 

Fazit: Wer sich den nächsten Quantensprung erhofft hat, wird enttäuscht. Wer aber einfach zwei Stunden gute Unterhaltung sucht und die Filme aus den 90ern mochte, wird in die gute alte Zeit transportiert und ist hier richtig. Für meine Generation ein Erlebnis, dass der Film ein junges Publikum en masse anziehen wird, glaub ich eher nicht.

So, Ende des Horrotrips. Entwarnung an die Schachfreunde, ich hab heute meinen fleissigen Tag, meinen Senf zu den Kandidatenmatches gibt es noch vor dem Eurovision Song Contest. Ich glaub nicht an Lena, Satellite war einfach besser. Ganz knapp Top 10, mehr ist nicht drin.

16 Kommentare
Benedikt
14.05.2011 18:34

Denke nicht, dass Lena unter die Top 10 kommt, traue ihr ein ähnliches Abschneiden wie Gracia 2005 zu.

PS: Freue mich auf den baldigen Bericht über die Kandidatenmatches. Scream ist nicht so meins

brazil
14.05.2011 18:34

Als Filmfan freue ich mich über jede Review - aber du hast schon lange nichts mehr über TV-Serien geschrieben.
Hier mein Tipp für dich: game of thrones, ein grandioses Epos.

sirschratz
14.05.2011 20:20

lena? lena valaitis? singt die immer noch.... da guck ich ja noch lieber ne partie von eli pähtz :-)

Erik
15.05.2011 00:40

Lena = Platz 10 und Jan ist ein Prophet! Hoffe mal bloß, dass Du Geld darauf gesetzt hast!

frankie
15.05.2011 00:48

Gusti als ESC-Expert..richtiger Tip...da kann man wohl mit so vielen ELO den korrekten Ausgang der Kandidaten-Matches erwarten ;-)

hanjie
15.05.2011 01:03

Jep, ESC-Einschätzung passte, jetzt bitte jene für die Kandidatenhalbfinals, nun kann ja für den Tipp nix mehr schiefgehen ;)

Schön ausgesuchtes Diagramm übrigens. Beim Zug ... Txa4 bin ich förmlich vom Stuhl gefallen während der Liveübertragung, der Zug ist wirklich der Hammer! Das sich dahinter verbergende Motiv liegt nun auch nicht eben auf der Hand.
Für einen Comp vielleicht, aber für einen Menschen ...? - Bin immer noch von den Socken.

Riku
15.05.2011 13:36

@ hanjie kannst du mir das dann bitte erklären? Ich sehe in dem Zug nämlich keinen Sinn.

Phero
15.05.2011 13:54

Ohne es jetzt mit dem Computer gecheckt zu haben, kann so etwas folgen:
52.Txd6 Tb4! und es droht b6, wonach Weiß den Turm geben müsste.
53.Lb5 Txb5 54.Kxb5 Kxd6, Schwarz holt d5 und f3 ab und hält man mit dem Springerbauern gegen die Dame Remis... war das der Plan?

hanjie
15.05.2011 15:13

Genau.
Ich habe nun auch keine Computerunterstützung, aber wenn ich richtig zähle, holt Schwarz den d- und den b-Bauern und kommt zusätzlich rechtzeitig, um sich um den f-Bauern zu kümmern, genau auf ein Tempo genau. Unter Zeitdruck das zu berechnen und überhaupt zu _sehen_ finde ich persönlich sehr beeindruckend.

JPS
15.05.2011 16:01

Sag mal, Jan, wie kommt es eigentlich, dass Grischuk bereits gegen Aronian und nun Kramnik so selbstbewusst mit c5 und e5 gegen Englisch spielt und diese der Variante mit g3, Lg2, a3 usw. ausweichen? Marin z.B. sieht die daraus entstehenden Abspiele doch als sehr vielverspechend für Weiß, und jedenfalls Kramnik hat früher auch schon so gespielt. Würde mich schon interessieren, wie Grischuk Deiner Meinung nach wohl reagiert hätte (vielleicht möchtest Du es aber auch lieber für Dich behalten).

Sengi
15.05.2011 18:34

Was Marin schreibt ist vielleicht für die Weltelite nicht mehr in der Hinsicht aktuell,würde ich mal sagen. Für "Unsereins" unter 2500 mögen die Bücher das Kompendium allen Wissens sein, aber ich schätze mal, Kramnik weiß es besser^^

ebitda
15.05.2011 19:26

Hab die Variante ...Rxa4 mit der engine überprüft; obwohl ein Nörgler einschränken könnte, dass alles forciert sei, so hat Grischuk doch glatt 26 Halbzüge vorausberechnet und die Stellung richtig eingeschätzt - da scheint es doch einen kleinen Unterschied zu geben zwischen 2700+ und meinen 2200 ;). Grischuks Verteidigungsleistungen sind schon sehr beeindruckend; war dies schon immer seine Stärke, war mir jetzt gar nicht so bewußt?! Insgesamt glaube , dass der Herausforderer Anands in diesem Match entschieden wird, Gelfand und Kamsky sind natürlich knallharte Kämpfer, schätze ich aber dennoch nicht so stark ein wie die Anderen.

Marlonik
15.05.2011 22:51

Vorallem muss Grischuk das noch ein paar Züge eher gesehen haben, denn neben Ta4: gibt es in der Stelle keine Alternativen mehr. Hinzu kommen noch Nebenvarianten und auch das Bauerndspiel ist hier nur reines duchzählen.

Ich hatte das Glück, dass mir die Stellung nur wenige Züge vor der Diagramm Stellung präsentiert wurde bevor man mir die Variante zeigte.
Ich war schachlich selten beindruckter.

hanjie
16.05.2011 00:27

Öhhh ... als "reines Durchzählen" würde ich das Bauernendspiel nun nicht bezeichnen ... würde mich nicht wundern, wenn Karsten Müller da noch ein paar tricky Feinheiten dazu zu erzählen hätte, die man auf Anhieb nicht ahnt.
Die Analyse des fast entstandenen Endspiels seinerseits würde ich auch sehr begrüßen!

Marlonik
16.05.2011 12:12

@ hanije ich habe das Wort nicht vergessen, dann macht der Satz auch mehr Sinn

hanjie
16.05.2011 13:59

*Kopfklatsch* stimmt. Hätt ich auch selbst draufkommen können, Marlonik ... meh. ;)

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