Jans Kolumne

Campeones

Spanien ist mein Lieblingsland. Ich bin zwei Jahre in der Nähe von Barcelona zur Schule gegangen, war ein Jahr als Austauschstudent in Madrid und habe mich in den letzten Jahren viel bei Paco Vallejo auf Mallorca herumgetrieben. Nicht nur Wetter und Leute sind mir sympathisch, auch die "mañana-Philosophie" habe ich verinnerlicht.

So war ich auch nicht erstaunt, als Paco mir erst ca. einen Monat vor Beginn der spanischen Mannschaftsmeisterschaft in Bilbao sagte, dass es ein Lebenszeichen von seinem Teamchef Javi Marcote gebe und er mich für seine Mannschaft verpflichten wolle. Ich sagte sofort zu und heuerte auf Pacos Geheiss hin auch den holländischen Meister Jan Smeets für uns an. Ein paar Tage später kam dann die Meldung, "wir haben Gashimov,Vallejo,Inarkiev,Smeets,Gustafsson und Salgado, es kann losgehen!" In Spanien wird mit sechs Spielern gespielt, von denen zwei Spanier sein müssen, wir hatten dank Vallejo und Salgado somit eine sehr starke Mannschaft.

Etwas überrascht war ich dann doch, als ich in Mainz mit Gashimov und Inarkiev redete und diese von ihrem Glück noch keine Ahnung hatten. Inarkiev hatte keine Zeit, aber Gashimov konnte spielen, für Inarkiev wurde in letzter Minute mein langjähriger Nationalmannschaftskollege Alexander Graf an Bord geholt. Mit einem Eloschnitt von 2668 waren wir neben dem Seriensieger Linex Magic um Shirov und Ponomariov DER Favorit auf den Titel. Als dann zwei Tage vor Turnierbeginn auch unser Hotel feststand, konnte es losgehen!

Jetzt mußte ich nur noch hinkommen. Kein ganz leichtes Unterfangen. Die erste Runde begann am 23.08. um 15:00, vom 21-22. war ich in Kopenhagen, um die Dänen für die Olympiade fit zu machen. Das Trainingswochenende verlief übrigens klasse, wir hatten viel Spaß, haben das ein oder andere theoretische Problem lösen können und die Mannschaft ist (bisher?) sogar einverstanden, dass ich die Mannschaftsaufstellung in Sibirien in "Major-Tukmakov-Manier" eigenmächtig festlege, ohne dass wir abends stundenlang darüber diskutieren und Zeit und Nerven verschwenden. Ich freue mich auf die Olympiade!

Zurück nach Spanien. Mit nächtlichem Zwischenstop in Düsseldorf kam ich erst Montag morgens an. Mit einer nervigen Grippe im Gepäck, die ich hauptsächlich auf den Kopenhagener Dauerregen schiebe. Sune Berg Hansens Theorie, in Hamburg würde es mehr regnen, halte ich für ein Gerücht.

Genug der Ausreden, in der ersten Runde passierte dieses:

 

Hamdouchi (2600)-Gustafsson(2643)

Stellung nach 17.Sc4


Dg5? sieht aktiv aus, die Dame steht aber unglücklich, wie sich bald zeigt, nach17...Lxc4 18.dxc4 Te6 ist nicht viel los (18...Txe4?? 19.Dd5 Te6 20.Txf7 Kxf7 21.Tf1+)  18.Df3 d5? besser war Se5 19.Sd6 dxe4 20.dxe4 Te7 21.Sf5! Td7 22.h4! Dd8? [22...Df6 23.Sh6+ Kf8 24.Dxf6 gxf6 25.h5 Kg7 hatte ich geplant, aber... 26.Sf5+!±] 23.h5 Se7?? 24.Sxg7! und der Rest ist Schweigen 1-0 (29)

Auch Vugar Gashimov und Paco Vallejo erwischten nicht ihren besten Tag und verloren gegen Bacrot bzw. Kasimdzhanov, so dass der Start mit 3-3 nicht nach Plan verlief.

Der guten Stimmung im Team tat dies allerdings keinen Abbruch. Der Tatsache, dass Smeets kein Wort Spanisch versteht, trugen wir etwa verständnisvoll damit Rechnung, weiter Spanisch zu sprechen, aber jeden Satz mit "puto Smeets" oder "joder, Smeets" zu beenden. Vielleicht eine Idee, um Khedira und Özil bei Real schneller zu integrieren?

Die Mannschaft kam ins Rollen, in den nächsten drei Runden gelangen uns einigermaßen überzeugende Siege, womit wir die vierründige Qualifikationsphase überzeugend als Erster beendeten. Meine einzig vorzeigbare Partie stammt aus Runde vier:

Partieanalyse:Gustafsson-Matlakov
Smeets hat mich T-Shirt-mäßig im Griff. Foto:FEDA

Die vier ersplatzierten Mannschaften sollten nun in Halbfinale und Finale den Titel ausspielen. Wir traffen erneut auf Albox, unseren Gegner aus Runde vier. Diese hatten, bereits sicher qualifiziert, vortags ein paar Spieler gegen uns geschont, wohl mit der Intention, im Fall einer Niederlage wieder gegen uns, nicht aber gegen Linex Magic antreten zu müssen. Dies und die Tatsache, dass das Parallelmatch in Runde vier zwischen Magic und Solvay recht schnell 3-3 endete, sprechen dafür, dass der Modus vielleicht nicht perfekt ist.

Die Strategie unserer Gegner wäre um ein Haar aufgegangen, beim Stand von 2.5-2.5 verwaltete Paco diese Stellung:

Vallejo(2697)-Krasenkov(2628)

Stellung nach 41...Txg2

Die anwesende Expertenschaar bewertete seine Lage als hoffnungslos. Lediglich Gashimov hatte noch Hoffnung: "Vor dem Damentausch war es viel schlimmer!" Er sollte recht behalten, Paco rettete sich ins Remis und uns in den Stichkampf. Um etwa 23:00 hatten wir diesen souverän mit 3.5-2.5 gewonnen, am nächsten Morgen um 9:30 (brrrrrr) stand das Finale gegen Linex an. An den letzten beiden Brettern hatten wir nominell Vorteile, es galt also die bewährte Strategie: Oben bückeln, unten treten! Paco und ich setzen diese gegen Ponomariov und Cheparinov vorbildich schnell in die Tat um und konnten zu unserer Freude folgendes beobachten:

Shirov(2749)-Gashimov(2719)

Stellung nach 38.Sc1

38... Le4! droht Df3, der c4 ist nicht zu nehmen 39. Lg4 Se5! 40.De2 Df4!, und Shirov blieb nichts Besseres, als sich mit 41. De3 Dxe3 42. fxe3 Sxg4 43. hxg4 Lxd5 in ein völlig verlorenes Endspiel zu fügen. 0-1 (64)


Da auch Smeets gegen Sargissian und Salgado gegen Perez Candelario zu überzeugenden Schwarzsiegen kamen, waren wir Meister!

 

Posing like the Pros: v.l. Manuel, Graf, Käptn Javier Marcote, Vallejo, Gustafsson, Smeets, Gashimov, Salgado (kniend)

Zum Abschluß eine kurze Vorstellung unseres Siegerteams von Kasparov Marcote in Brettreihenfolge:

Vugar Gashimov (2719, 4/6) ist eine Maschine! Nach der Erstrundenniederlage besiegte er mit Nakamura, Navara und Shirov drei 2700er und gab uns damit allen viel Sicherheit. Ich bin überzeugt, er wird wieder ganz oben in der Weltrangliste angreifen.

Paco Vallejo (2697, 2.5/5) war nebenbei als Manager der Mannschaft tätig und nicht in Bestform. Trotzdem gewann er eine lustige Partie gegen Laznicka und hielt uns mit dem Safe gegen Krasenkov überhaupt erst im Rennen.

Jan Smeets (2669, 4/6) hat einen lkomischen Stil. Nach 20 Zügen steht er leicht schlechter und hat noch zwei Minuten auf der Uhr, aber dann dreht er auf! Ganz starkes Turnier von ihm, mit den gewonnenen Elopunkten könnte er an van Wely und Giri vorbeiziehen und sich in der hartumkämpften holländischen Rangliste an die Spitze setzen.

Jan Gustafsson (2643, 3/6) war mehr mit Husten und Schniefen als mit Schachspielen beschäftigt und glänzte neben dem Gezeigten hauptsächlich mit schnellen Remisen. Danke Jungs, dass ihr mich mit durchgeschleppt habt!

Ivan Salgado (2607, 4/6) ist der kommende Mann im spanischen Schach und mein neuer Schützling. In ein paar Tagen fahren ich als sein Coach zur spanischen Meisterschaft, um Paco das Leben schwer zu machen. Für die Mannschaft eine Bank, trotz unnatürlicher Panik vor Rivas...

Alexander Graf (2590, 5/6) ist immer noch bärenstark. Stets beeindruckend für mich, wie ihm seine Gegner in guter Stellung Remis anbieten, er a tempo "NO!" antwortet und die Partie in aller Ruhe gewinnt. An Brett 6 nicht zu stoppen.

Auf ein Neues im nächsten Jahr, zieht euch warm an Linex!

 

2 Kommentare
Stefan
04.09.2010 11:44

Hi,
sehr schöne Seite und nette Berichte! Besonders gefällt mir das Bild auf der Startseite, wo Du auf den großen Figuren sitzt.
Wenn ich mir noch etwas wünschen darf: Ich denke, dass sich viele Leute die Partien einfach vorspielen lassen - spart Zeit und man muß nicht ständig einen Zug weiter klicken ... Leider gehen dabei Deine Kommentare verloren :-( Dies kann man doch bestimmt besser lösen -> www.inside-chess.de hier werden die Kommentare nach dem jeweiligen Zug als pop-up eingeblendet. Ja, ja, ein wenig Eigenwerbung muß doch erlaubt sein ;-)
Viel Spaß und Erfolg mit Deiner Seite!

Gruß,
Stefan

Randspringer
04.09.2010 16:16

Gratuliere Zum Titel!

Ps. Sehr schöne Seite. Ich hoffe auf viele schöne Einträge!

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