Jans Kolumne

A beautiful Mainz

Turnierplanung fällt mir nicht immer leicht.

  1. Mitkriegen, dass das Turnier stattfindet. Nach dem zehnten "Wir sehen uns dann in Mainz bei den Chess Classic" war meine Aufmerksamkeit geweckt. Check.
  2. Vor Ort eine Bleibe finden. Hans-Walter Schmitt anrufen, "Klar, ein letztes Zimmer im Hilton ist noch frei". Check.
  3. Hinkommen. "Schachunski" Michael Faika erwähnt im Rahmen einer langen Ramschnacht, dass er schon immer einmal in Mainz spielen wollte. Check.

Und so begab es sich, dass Faika, sein Ford Scorpio und ich uns am Freitagnachmittag auf die weite Reise Hamburg-Mainz begaben. Kein Pappenstiel, aber die gespannte Erwartung, wie unser sehr lustiger Scherz über zwei leichte Mädchen am Mainzer Hauptbahnhof wohl an Ort and Stelle ankäme, ließ die Zeit schnell vergehen. Um sieben waren wir da. Nach dem Einzug ins sehr schöne Hilton am Rheinufer war ich sogar noch rechtzeitig dran, mich Barney Stinson-mäßig in Schale zu schmeißen und mich, so getarnt, unauffällig beim "Champions Dinner" einzuschschleusen.

Am Samstag ging es dann zur sehr humanen Zeit von 14 Uhr los. Ich hatte erst einmal bei den Chess Classic mitgespielt und beinahe schon vergessen, wie beeindruckend dieses Turnier organisiert ist. Auch und gerade die diesjährige abgespeckte Version. Ich persönlich kann gut auf Chess960 verzichten, das Schnellturnier war, mit 701 Teilnehmern + Vishy Anand als Kiebitz, auch so aller Ehren wert. Das Hilton ist, wie erwähnt, klasse, dazu ist es direkt mit der Rheingoldhalle verbunden. Dem besten Spielort, den ich mir überhaupt vorstellen kann. So lange es Turniere wie Mainz gibt, kann in Schachdeutschland doch nicht alles verkehrt sein.

An 16 gesetzt, verlief der erste Tag für mich weitgehend problemlos. Mein stärkster Gegner war in Runde 4 Till Wippermann, gegen den ich mich allerdings auch prompt ganz schön strecken musste:

Gustafsson (2643) - Wippermann (2420)

Stellung nach 20...h5:

28... Lb3 ?! aus der Eröffnung hatte ich nicht viel rausgeholt, nach massiven Tauschhandlungen musste ich nun versuchen, aus dem entstandenen Endspiel noch etwas herauszupressen. Lb3 gibt mir etwas Hoffnung, nach Lc6 sehe ich nach wie vor keine ernsthaften Chancen 29. Sd7+ ! Ke7 30. Nc5 a4 ?! Sicherer war wohl ... La2, auf einmal kriegt der schwarze Läufer etwas Platzangst und hält dabei seinen eigenen Freibauern auf, der ihn decken muss 31. Kf2 Sc7 32. Ke3

Kd6 33. Kd2 e5 ! 34. Sb7+  Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Sxb3 axb3 d5 Gewinnchancen bietet. Schwarz stellt den Springer nach d6 und macht dann erstmal nix. Kc6 35. Sa5+ Kd6 36. Lc4 meine Pointe, aber wohl kaum genug für den vollen Punkt Se6 ? das verliert (36... exd4 ! 37. Lxb3 (37. Nxb3 axb3 38. Lxf7 Se6) 37... axb3 38. Sxb3 Se6 39. g3 g6 +=) 37. dxe5+ Kxe5 38. Sxb3 axb3 39. Bxb3 Sd8 {mit Zeitüberschreitung, aber nach etwa Ke3 nebst Ld5 sollte Weiß sich auch so durchsetzen} 1-0

Nach einem weiteren Sieg in Runde 5 ging es dann mit 5/5 in die Pause, kein Grund zu klagen.

Mainz Runde 5 und mein persönliches Bewerbungsfoto für menwholooklikeoldlesbians.blogspot.com

Abendessen und die Erkenntnis, dass der Hauptbahnhof-Witz bei Einheimischen zwar bekannt ist, aber nicht als lustig empfunden wird, rundeten den Tag ab. Es blieb sogar noch Zeit, mich etwas auf die Partie am nächsten Morgen vorzubereiten.

Und hier sollte es ernst werden. Es ging mit Schwarz gegen meinen Lieblingsazeri, Vugar Gashimov. Vor kurzem noch Nummer 6 in der Welt, aber auch mit jetzt Elo 2719 beileibe kein Leichtgewicht.

Ich kam anständig aus der Eröffnung, aber dann ging es bergab

Gashimov (2719) - Gustafsson

Stellung nach 20. Tad1

Reflexmäßig zog ich hier das sehr schwache 20... Tad8 - Besonders dämlich, da ich einen Zug vorher schon c4 befürchtet hatte, nur um es Sekunden später wieder zu vergessen. Viel besser war (20 - Ld8!, wonach Schwarz c4 mit g6 beantworten und optimistisch in die Zukunft blicken kann) 21.c4! Auf einmal stehe ich unter einigem Druck, die positionelle Drohung c5 ist nicht gut zu verhindern 21...Bg5 22.c5! auf einmal ist der Läufer b7 tot und dem Springer winkt das schöne Feld d6. Daher war es so wichtig, ihn vorher mit g6 verjagen zu können  ...Te6 23.d4! und es wurde nicht besser. Vugars Druck wuchs weiter an, später konnte ich aber unverdienterweise in dieses Endspiel entwischen:

Stellung nach 45.Ke4

Ok, ich hatte nicht mehr viel Zeit, aber 45... b3!( den hatte ich gesehen) 46.Tb2 Td6! (den nicht) mit Remis ist trotzdem nicht so schwierig. Schon komisch, dass der Kopf sich weigert, Td6 in Betracht zu ziehen, nur weil es den Turm von der Bewachung der 8.Reihe abzieht. Na gut, nicht jeder Kopf. ...Tc8 47.Kd5 verliert glatt und war dass letzte was ich sah, bevor ich panisch mit ein paar Sekunden 45...Kf6?? zog Nach 46. c7! Tc8 47. Kd3 Ke6 48. h4! war alles vorbei (1-0, 51)

Na gut, 5/6, noch alles drin. In den nächsten beiden Runden gewann ich glücklich gegen den stark spielenden Dr. Erik Zude

und überzeugend gegen den iranischen Großmeister Mahjoob:

Gustafsson - Mahjoob (2546)

Stellung nach 18... Lg7

19. c5! Ein hübscher Durchbruch. Wie so oft im Holländer wird dem Schwarzen seine mit 1... f5 geschwächte Königsstellung zum Verhängnis ...dxc5 20. dxc6! Lxc6 21. Sxc6 Sxc6 22. Dc4+ Kh7 23. Lxc6 bxc6 24. Sxc5, und Schwarz steht vor einem Scherbenhaufen. 1-0, 29

Nach einem Schwarzremis gegen den rumänischen GM Istratescu, in dem ich ein paar kleinere Chancen ungenutzt ließ, ging es dann auf die Zielgerade, 2 Runden noch.

In Runde 10 bekam ich es mit Ex-Fide-Champion und heutigem Anand-Coach Rustam Kasimdzhanov zu tun. Kasim ist einer der unterhaltsamsten Menschen, die ich kenne. Egal welches Thema, immer kann er aus dem Stehgreif eine passende Geschichte oder ein passendes Zitat zum Besten geben. Hmm, meistens sind es Filmzitate. Hmm, wir reden meistens über Filme. Wie dem auch sei, "hopelessly overeducated" (Friedel über Kasim) ist das passendste Zitat, was mir einfällt...

Zu unserer Partie kam er nicht in bester Laune, hatte er doch soeben eine totale Gewinnstellung gegen Kamsky noch verloren. Und nach meiner Eröffnung sollte sich seine Laune nicht gerade bessern:

Gustafsson- Kasimdzhanov (2699)

1. Sf3 Sf6 2.c4 c6 3. d4 d5 4. cxd5 (!) Ich ging davon aus, kurz nach dem Topalov Match keinen allzu großen Wissensvorsprung in den Hauptvarianten gegen einen  Anand-Sekundanten zu haben. Und spekulierte zurecht, dass die Jungs besseres zu tun hatten, als sich mit Slawisch-Abtausch zu beschäftigen. Hey, ein paar Tricks gibt es selbst da!

...cxd5 5. Sc3 Sc6 6. Lf4 a6 7. Tc1 7.e3 Lg4 ist nix ...Lf5 8.e3 Tc8 9.Se5!... der Zug, von dem ich mir das überraschungsmoment versprach. 9. Le2 ist ausgelutscht. Mein Plan ging auf, denn er verbraucht viel Zeit, reagierte aber zunächst stark: 9... Sxe5! Besser als e6 10. Db3, und Wei? behält Druck 10. dxe5 Ne4 11. Sxe4 Txc1 12. Dxc1 Lxe4 soweit alles in Ordnung und schon dagewesen, trotzdem alles im Soll. Ich hatte hier 19 gegen 7 Minuten, und jetzt geht es erst los:

13.e6! ansonsten spielt Schwarz e6 und steht bequem, jetzt dauert es eine Weile, bis er seinen Königsflügel mobilisieren kann fxe6? Der erste Fehler. Kritisch is Da5+ 14.Ke2 fxe6, so geschehen vor langer Zeit in Gelfand-Bacrot. Kasim hatte zunächst 13... Lf5 geplant, was an Lxa6 scheitert. 14. f3 e5 auf Läuferzüge kommt Le5 mit fetter Kompensation 15. Lxe5 Lg6 16. Dc3 Kf7 17. Le2 e6 18.0-0 Ld6 Tg8 Tc1 war nicht besser

17- 2Minuten und diese Stellung, da hätte ich durchaus mal 1-2 Minuten investieren können, um festzustellen, dass ich nach 19. Lxg7 einfach einen Bauern mehr habe. Stattdessen zog ich a tempo 19. Tc1?? und kam mir dabei auch noch schlau vor. Schnell gespielt, Druck aufrecht erhalten und so. Nach 19... Te8! Fiel mir auf, dass ich a) nicht auf g7 schlagen kann (e5!), b) auf der c-Linie nichts drohe und daher c) noch einmal von vorne anfangen muss. Meh. Dank seiner chronisch knappen Zeit konnte ich die Partie nach 20. f4 und langem langweiligen Lavieren schließlich noch für mich entscheiden, trotzdem, diese Flüchtigkeitsfehler sind ärgerlich. 1-0(40)

                                     

8.5/10 vor der letzten Runde, geht da noch mehr?

Nein, es ging nix mehr. In der letzten Runde bekam ich es mit Schwarz mit Evgeny Bareev zu tun. Auch von ihm bin ich ein Fan, sein Buch "From London to Elista" über die Arbeit mit Kramnik habe ich verschlungen. Bareev war zuletzt nicht mehr sonderlich aktiv, als ehemalige Nr.3 der Welt ist er aber nach wie vor bärenstark. Dazu steht er als Trainer des vietnamesischen Wunderkindes Le Quang Liem auch theoretisch wieder voll im Saft. Kein leichtes Los also, leicht machte ich es dafür ihm. Viel zu leicht.

Bareev (2663) - Gustafsson

Stellung nach 10.a3

Schon mit meiner Eröffnungswahl bin ich im Nachhinein nicht sehr zufrieden, ruhige Stellungen mit Läuferpaar sind nicht gerade Kryptonit für russische Supertechniker. Wie dem auch sei, die Diagrammstellung ist mir wohlbekannt, sowohl zu 10... La5 als auch 10...dxc4 habe ich seitenlange Analysen. Ich spielte aber 10... Lxc3 ?! und spekulierte darauf, dass er diesen Zug nicht kannte. Falsch gedacht, er hatte es sogar schon einmal auf dem Brett L Strategisch ist Lxc3 natürlich sehr riskant, aber ganz sinnlos ist der Zug nicht 11. Lxc3 c5 die Idee 12.cxd5 Landa spielte hier dxc5 gegen mich, was ebenfalls kritisch ist 12... Sxd5 13.0-0 Tc8 Noch vertretbar, aber Schwarz sollte nicht vergessen, auf c3 zu nehmen? 14. Tfd1 De7?? Schon der entscheidende Fehler. Die Stellung nach 14...Sxc3 bxc3 Qc7 ist vielleicht besser für Weiß, aber absolut spielbar. 15. Le1! Davor hatte ich keine Angst, die Isolanistellung nach 15...cxd4 16.exd4 S7f6 muss doch ok sein? Leider war mir ein kleines Deatil entgangen: 15...cxd4 16. De4! Oops er muss gar nicht wiedernehmen! Die Dame greift h7 an, schlägt dann auf der d4 und in der nunmehr offenen Stellung ohne Stützpunkte für die Springer wird sich das Läuferpaar über kurz oder lang durchsetzen. Und so kam es 16... S5f6?! Wenigstens f5 galt es zu versuchen 17. Dxd4, und ich verlor sang-und klanglos 1-0 (49)

Am Ende standen also 8.5/11 und der 11. Platz.

damit das gleiche Fazit wie schon zu oft in diesem Jahr: OK gespielt, aber das Mojo für ganz vorne fehlt noch. Ich bleibe dran!

Auch Faika war als 77. (in seiner Ratinggruppe) nicht vollends zufrieden.

Gewonnen hat das Turnier übrigens Gata Kamsky, der mit respektablen 9/9 startete und (nicht nur) meine Favoriten Aronian und Grischuk hinter sich ließ.

Den Endstand gibt´s hier

Mir bleibt es, mich bei Hans-Walter Schmitt, seinem Team und dem neuen Sponsor Grenke Leasing, herzlich für ein perfekt organisiertes Turnier in tollem Ambiente mit tollen Gegnern zu bedanken. Ich komme wieder!

3 Kommentare
Alexander Fuchs
07.09.2010 22:21

Hallo Jan,

schönen Internet-Auftritt hast Du hier! Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg bei Deinen nächsten Auftritten. Du bist ein prima Aushängeschild des deutschen Schachs. Der kleine Kick zur absoluten Spitze kommt bestimmt noch.

Grüße an die zukünftige deutsche Nr. 1 von

Alexander

Gerhard
14.09.2010 19:05

Gegen Bareev wäre ich auch voreingenommen!
Vermutlich war daher schon Lc3: ein Tribut an den "Wunderspieler".
Ich denke, in solchen Schnellturnieren greift so mancher mit seiner Eröffnungswahl fehl, weil nicht viel Zeit bleibt für eine geeignete Variantenwahl. Ich sah mal den Überflieger Morozevich in Mainz eine Variante gegen Ruck wählen, mit der Moro seine ausgezeichneten Gewinnchancen im Turnier verdarb.

Deathdefier
17.09.2010 20:04

hallo jan,

ich finde deine kommentare absolut spitze!!!
echtes glück für uns alle, dass du das machst!!!
und werde einfach alles studieren, was du schreibst!

ich habe vor kurzem deine partie gegen Parligras 2010 gesehen und ich kann einfach nicht verstehen, was in diesem Katalaner passiert ist;
mir scheint dieses Spiel von größtem theoretischen wert zu sein; meinst du, du könntest die partie kommentieren oder kurz beschreiben?
ich würde echt gerne wissen, was da passiert ist!!!

mit ganz freundlichen grüßen aus wien
deathdefier

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